Montagstext #1

„What the fuuuuu….!?“

Als Captain Arthur Black durch die künstliche Atmosphäre in der Kommandozentrale seines Raumschiffs „Space Cowboy“ flog, rückwärts und in vier Fuß Höhe, lag das keineswegs daran, dass mit dem gleichfalls künstlichen Gravitationsfeld etwas nicht stimmte. Der Grav-O-Mat des Schiffs war schließlich beim letzten Zwischenstopp auf Jaglan VII gewartet und für gut befunden worden. Vielmehr war das Heck der „Cowboy“ vor wenigen Millisekunden von etwas gerammt worden. Etwas Großem. Größer, vermutlich, als der Nap-O-Mat im hinteren Bereich der Brücke, der es seinem Benutzer erlaubte, auch während des Fluges den Autopilot einzuschalten, sich in eine der marineblauen, mannshohen Kabinen zu begeben und ein kurzes Nickerchen zu halten, ohne die Kommandozentrale verlassen zu müssen. Schlaf mit offenen Augen. Nach wenigen Augenblicken konnte man taufrisch und tiefenentspannt (laut Herstellerangaben, aber Sirianer übertreiben immer) ans Steuerpult zurückkehren. Power-Napping aus der Dose. Funktionierte für bis zu vier Tage ganz prima, danach kamen die Halluzinationen. Die kleinen, gelb blinkenden Pinguine. Und das Pfeifen im Ohr.

Was auch immer die „Space-Cowboy“ gerade getroffen hatte, war größer als ein handelsüblicher Nap-O-Mat. Da es aber ein solcher war, womit der Captain mit hoher Geschwindigkeit zu kollidieren im Begriff war, beanspruchte er derzeit seine volle Aufmerksamkeit. Um alles, was draußen war, konnte er sich kümmern, nachdem er verhindert hatte, einzuschlafen. Bloß nicht den roten Knopf an der Einstiegsluke drücken!

Was Captain Black nicht wusste, war, dass die in seiner Desoxyribonukleinsäure enthaltenen Erbinformationen einige in diesem Moment existentiell wichtige EIgenschaften mit denen des in den neunziger Jahren durch einen unglücklichen Zufall verstorbenen Filmstars und Martial-Art-Kämpfers Brandon Lee teilten. Was er wusste, war, dass er schon als Kind beim Blechdosenwerfen auf der Dorfkirmes in Jasper, Ohio, ausgesprochenes Talent gezeigt hatte. Seine Körperkoordination war ganz instinktiv so schnell und präzise, dass er mühelos geworfenen Schneebällen, Bratpfannen und Gummigeschossen aus Einsatzhundertschaftswaffen ausweichen konnte, Fähigkeiten, die alle bei früheren und teilweise sehr seltsamen Gelegenheiten, die nichts mit seiner aktuellen Situation gemeinsam hatten, in seinem Leben von Nutzen gewesen waren. Jedenfalls schaffte er es, den Sturz gegen das Therm-O-Glas der Schlafkabine abzufangen und sich dabei keine blauen Flecken zuzuziehen. Wahrhaftig, ihm gelang sogar eine Art um neunzig Grad gedrehte Telemark-Landung an der Rückwand der Kommandozentrale, was ihm stehenden Applaus vom Rest der Crew eingebracht hätte, wenn diese da gewesen wäre. Die waren aber derzeit fast ausnahmslos damit beschäftigt, durch ihre eigenen Schlafkabinen geworfen zu werden und sich tatsächlich eine Unmenge an blauen Flecken einzuholen.

„…ck!“

Das Schiff schlingerte und bockte, nachdem die Erschütterung abgeklungen war. Einige Monitore am Kontrollpult flackerten, rebooteten oder waren ganz ausgefallen. Eine Alarmleuchte ließ die Schiffsbesatzung wissen, dass die „Cowboy“ gerade eine Kollision erlitten hatte, und kam sich dabei etwas überflüssig vor. Das Schwerkraftfeld funktionierte weiterhin, was dazu führte, dass Captain Black aus seiner horizontalen Telemark-Haltung heraus nun doch unsanft auf den Kabinenboden fiel, wobei er ein klein wenig lächerlich aussah. Er richtete sich auf und lief hektisch über den vibrierenden Stahlboden zur Rückseite des Schiffs, um zu sehen, was damit kollidiert war und wie viel es zerstört hatte. Als er das Heck erreicht hatte und aus dem Fenster sah, erblickte er zunächst nur Sternennebel, der sich langsam auflöste.

Nach und nach wurden metallische Konturen sichtbar. Glas glänzte, und seltsame Filigrane wurden sichtbar. Filigrane, die sich als marymakianische Buchstaben herausstellten. Buchstaben, die, wenn sein Gedächtnis ihn nicht im Stich ließ, „Marymak Space Police“ bedeuteten. Marymakianer! Kein Wunder, er flog seit vier Tagen durch ihren hirnerweichend öden Weltraumdistrikt.

Im Cockpit konnte Black jetzt schemenhaft die Gestalt des Piloten erkennen, der mit unverhohlener Missbilligung den Kopf schüttelte und sich offensichtlich etwas notierte, bevor er einen Knopf an seinem Steuerpult betätigte. Kurz darauf öffnete sich eine Luke unterhalb des Cockpits. Der Greifarm, der aus der Luke herauswuchs, klatschte ihm etwas an sein Heckfenster, direkt vor seinem Gesicht. Einen Strafzettel! Einen Strafzettel, auf dem handschriftlich etwas notiert war.

„Parken ist hier verboten, du Vollidiot!“

Während der Captain die hingekritzelte Zeile entzifferte, heulten die Patrol-O-Smart-Motoren des Polizeicruisers auf, wobei es ihnen gelang, ausgesprochen verächtlich zu klingen. Das Streifenraumschiff überholte die „Space Cowboy“ und verschwand in der Dunkelheit des Alls. Captain Black steckte den Strafzettel ein und schlurfte den Gang hinab, um den ersten Offizier zu wecken, damit der das Steuer übernahm. „Vier Tage“, dachte er, sind zu lang, um nur mit diesem verdammten Konservenschlaf durchzuhalten.“ dachte er noch.

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Freitagsfüller #201

Ich verstehe nicht, wie viele Personen, selbst solche, die ansonsten eigentlich total intelligent sind, tatsächlich an einen Gott glauben. Egal, wie sie ihn nennen, Allah, Gott, JHWH, im Grunde bleibt es das Gleiche: eine Ansammlung von Phrasen, die in einem Buch stehen, das irgendjemand mal heilig genannt hat, und die einem vorschreiben sollen, wie man sein Leben zu leben hat, gepaart mit präzisen Anweisungen, wie mit denen zu verfahren ist, die ihrem unsichtbaren Freund einen anderen Namen geben. Wenn man Gläubige zu hinterfragen versucht, erntet man haufenweise entrüstete Blicke a la „So was fragt man nicht“. Warum nicht? Darum nicht! Und weiter kommt man nicht. Auf der anderen Seite werden im Namen eines Gottes (egal welchem) die unfaßbarsten Schandtaten begangen. Ich erspare mir jetzt die Mühe, diese aufzählen zu wollen. Das erledigen die Medien, wenn man ein bißchen hinguckt. Für irgendwas müssen sie ja gut sein. Und gerechtfertigt werden diese Greuel, wie Kreuzzüge, Kindesmißbrauch, Hexenverbrennungen, Selbstmordattentate, Beschneidungen an Mädchen, Zölibat, Steinigungen für das Verbrechen, zwei Zentimeter nackte Haut zu zeigen, (verdammt, ich wollte keine Aufzählung beginnen!) immer mit dem „Willen Gottes“. Also, wenn es einen Gott gibt, und er so was tatsächlich will, kann er mich mal hacken. Die Methoden und Rechtfertigungen sind alt, nur die Wege, die Aufmerksamkeit darauf zu lenken, sind neu im Zeitalter von Facebook und Fotohandys. Moderne Technik ist eben nicht nur ein Fluch …

Das Problem kalte Füße kennen ja diejenigen, die angeblich den Willen Gottes auf Erden vertreten, auch nicht. Laut deren massenhaft postulierter Aussage werden sie im Jenseits eh sündenfrei sein und im Paradies abhängen, weil vor knapp zweitausend Jahren ein Mensch an einen Balken genagelt wurde, der den Leuten erzählt hat, wie toll er es fände, wenn ausnahmsweise mal alle nett zueinander wären. Oder man darf nach seinem Ableben 72 Jungfrauen einreiten, je nachdem. Wobei ich mir die Frage stellen muss, warum man zu Lebzeiten keusch und sündenfrei sein soll, um dann im Jenseits ne Riesenorgie starten zu dürfen. Anstatt Glauben Glauben sein zu lassen und schon im Diesseits menschlich mit seinen Planetenmitbewohnern umzugehen, wird immer noch darum gestritten, wer den cooleren unsichtbaren Freund hat. Imagine a world without religion, so hat John Lennon mal sinngemäß gesungen. Finde ich o.k., mal ganz davon ab, dass die Beatles musikalisch eh was ganz Besonderes waren.

Die Debatte um Götter und den Sinn oder Unsinn von Glauben, egal in welcher Form geführt, wird bedauerlicherweise zu nichts führen. Wenn man mit Gläubigen vernünftig reden könnte, bräuchte man es gar nicht. Wer sich von dem Gedanken freimacht, die Bibel (o.a.i.V.) nicht für bare Münze zu nehmen und statt dessen mal die Augen aufmacht, muss fast schon zwangsläufig erkennen, wie unglaublich lächerlich die Argumente sind, mit denen egal welche Kirche ihre Standpunkte zu stützen versucht. Doch nur den Versuch zu unternehmen, kann ich von einem Gläubigen kaum erwarten. Dafür sind sie zu verbohrt. Jedem Zweifler, jedem Wankenden, jedem, der sich die Frage nach dem Sinn von Religion mal gestellt hat, möchte ich „Der Gotteswahn“ von R. Dawkins, dem ich an dieser Stelle allen Respekt zollen möchte, wärmstens empfehlen. Die Gedankengänge darin haben mich vom Zweifler zu einem überzeugten, „radikalen“ Atheisten gemacht. Und das ist eine unglaublich (Wortspiel bemerkt?) erfrischende Perspektive auf das Leben. Wer es etwas leichter und kürzer mag, besorgt sich „Lachs im Zweifel“ von und über Douglas Adams und liest darin das Interview mit den American Atheists.

Was das Wochenende angeht, heute Abend freue ich mich auf eine entspannende Massage, morgen habe ich geplant, meiner Basketballmannschaft die Daumen zu drücken und Sonntag möchte ich ausschlafen. Mal sehen, ob der Hund mich läßt.


Live dabei

In der christlichen, vorrangig der katholischen, Kirchenlehre, heißt es, man solle für sein Seelenheil beten. Viele meditieren, betreiben Tai Chi oder rauchen obskures Zeug. Ich besuche Konzerte. Rock, Metal, Folk, Punk. Nicht so oft, wie ich manchmal gerne würde, aber so drei bis fünf im Jahr müssen drin sein. Sich zwei bis drei Stunden lang austoben, hüpfen und pogen, alle Textzeilen (mehr oder weniger synchron und richtig) mitbrüllen, drei bis sechs Bierchen trinken und hinterher drei Tage lang über den Headbangernacken jammern … das ist mein Seelenheil. Danach geht´s mir jedes Mal auf Tage hinaus gut (vom Headbangernacken abgesehen). Ich habe mal nachgezählt: Über die Jahre  hinweg sind etwa 50 Konzerte quer durch Deutschland zusammengekommen, in allen möglichen Größenordnungen, vor alen möglichen Bühnen, und zu fast jedem sind Geschichten entstanden. In dieser Rubrik möchte ich diese Geschichten nach und nach erzählen. Manche davon sind (hoffentlich) witzig, manche skurril, andere werden mehr Rezensionscharakter haben … lasst Euch überraschen. Sind n paar gute Dinger bei.

Bleibt neugierig!

Cpt. Metal


Freitagsfüller #200

Durch Galadrin bin ich erstens zum Bloggen und zweitens zu dem Phänomen der Freitagsfüller gekommen. Wie die Jungfrau zum Kind, sozusagen. Ach, häßliche Klischees! An diesem hier möchte ich mich, in Form einer Fingerarbeit, mal versuchen … auch wenn es Montag ist, und damit im Grunde der ungemütliche, lästige Gegenpol zum Freitag. Das genaue Gegenteil. Das falsche Ende der Woche, so wie die Zigarette, die man am orangen Ende anzündet und für eine halbe Sekunde genussvoll daran zieht, bevor einen das kalte Kotzen überkommt. Nein, ich mag Montage nicht besonders. Und dieser hier, verregnet und grau, tut sein Bestes, meine Vorurteile zu füttern. Also erwartet bitte keinen Chaucer …

Eigentlich habe ich keine Angst im Dunkel. Ich hatte nie Schwierigkeiten damit, in den Keller zu gehen, auch nachts nicht. Oder damit, nach Einbruch der Finsternis nochmal durch meine fünfzig Quadratmeter zu gehen, um etwas zu trinken oder die Toilette aufzusuchen. Ich meine, ich kenne meine Wohnung, ich schaffe es selbst betrunken unfallfrei überallhin und finde alles, was ich brauche, nach spätestens sechs Minuten. Jetzt bin ich nicht betrunken, nur sehr müde. Ich liege im Bett, es ist warm, und im Grunde muss ich auch nirgends mehr hin. Trotzdem sitzt mir die Angst im Nacken, wie ein Alpdruck, der noch nicht geträumt ist. Den Grund dafür spüre ich an meiner rechten Hand. Ich pflege vor dem Schlafen noch ein wenig zu lesen, und gestern habe ich ein Buch begonnen, dessen subtiles Grauen sich mit unter meine Decke schleicht. Shining, von Stephen King. Der abgegriffene Pappeinband liegt neben meinem Kissen, und ich halte mich noch daran fest. Was ich bislang gelesen habe, auch von ihm, hat mich zwar oft beeindruckt, manchmal belustigt, aber nie so verängstigt . Ich bin siebenundzwanzig, und traue mich nicht, das Licht zu löschen. Was mir passieren soll, könnte ich niemandem beantworten. Aber wie zu den Zeiten, als unter dem Bett noch Monster wohnten, scheinen nun die Holzmaserungen  sich zu Gesichtern zu formen, und das Licht der Straßenlaterne vor meinem Fenster, das sich in einem Teeglas bricht, scheint zu funkelnden, lauernden Augen zu mutieren, die nur auf meinen Schlaf warten, um sich auf mich zu stürzen. Ich nehme meinen Mut zusammen und drücke den Schalter. Doch heute geht nicht einfach das Licht aus, sondern die Dunkelheit geht an.  Wartet. Lauert auf den Moment, da ich die Augen schließe. Es ist spät am Abend, 23:51, und ich trau mich nicht. Fast krampfhaft halte ich mich wach, fürchte mich vor jedem Schatten, und hier im Zimmer sind im Moment überreichlich davon. Vielleicht sollte ich mich bewaffnen, denke ich mir. Das lange Messer aus der Küchenschublade holen, mit unter die Decke nehmen und sehen was passiert. Sollen sie kommen! Ich ertappe mich dabei, wie ich durchatme und bis zweiundvierzig zähle, bevor ich aufstehe. Reiß dich zusammen, Mann! Als ich mich aufsetze und angriffslustig in die Schatten starre, wütend das Teeglas fixiere, beschließe ich, heldenmütig zu sein und das Licht nicht anzumachen, auf dem Weg in die Küche. Es ist meine Wohnung, verdammt! Was zum Henker soll schon? Ich schwinge die nackten Füße aus dem Bett und husche zur Tür, komme drei Schritte weit, als mich ein Schatten erwischt und erbarmungslos sein kreisrundes Gebiss in meine rechte Sohle schlägt. Schon schweißgebadet, schreck- und schmerzerfüllt, lande ich auf dem Teppich. Meine Hand tastet an der Wand nach oben, findet den Lichtschalter über dem Wandschwein, die Dunkelheit geht aus, und wimmernd taste ich nach dem Dämon in meinem Fuß. Dem Biest aus den Schatten. Dem Teufel aus … Weißblech? Dem Kronkorken, den ich gestern zu faul war, wegzuräumen? Offensichtlich. Als ich in die Küche humpele, um das verrotzte Ding wegzuschmeißen und nachzusehen, ob es im Kühlschrank noch Geschwister hat, die volle Flaschen verschließen, muss ich leise lachen.

Das Jahr 2012 hielt solcherlei literarische Überraschungen nicht mehr bereit. Vielleicht, weil ich in diesem jahr nichts von King gelesen habe. Hunter S. Thompson hat mich durch 2012 ein gutes Stück begleitet, Colfer, und Berndorf. Ist auch kein echter Stoff zum Fürchten dabei, wenn man genauer darüber nachdenkt. Bin ich in jener Nacht etwas feige geworden? Vielleicht. Du weisst, dass du alt bist, wenn du darüber nachdenkst, wie es mal zu Ende gehen soll. Alte Elefanten humpeln in die Berge, um zu sterben. Alte Amerikaner schwingen sich auf die Landstraße und fahren sich in riesigen Autos zu Tode. Das ist aus Thompson. Ich mag die Berge nicht, und an zu großen Autos habe ich auch noch kein Interesse. Von daher bin ich vermutlch noch nicht alt. Allerdings bin ich auch weder Elefant noch Amerikaner. Von daher humpelt jetzt dieser Vergleich ein wenig. Trotzdem hat er Spaß gemacht. Und den Freitagsfüllern werde ich eine Zeitlang treu bleiben. Was das Wochenende angeht, heute Abend freue ich mich auf eine angenehme Nachtschicht, morgen habe ich nichts geplant und Sonntag möchte ich nach einem Heimsieg meiner Mannschaft einen kleinen Kater pflegen. Und meinen Hund!

Captain Metal


Ausgelesen.

In dieser Rubrik möchte ich – nach und nach – über Bücher plaudern, die mich in jüngerer oder älterer Vergangenheit bewegt, berührt oder belustigt haben. Dazu zählen ein paar Klassiker, ganze Reihen (sechsteilige Trilogien und solcherlei Merkwürdigkeiten), und Flohmarktfunde aller Art. Im Moment bin ich selbst noch gespannt, was hier eines Tages alles stehen wird. Gewiß ist aber, dass meinen Lieblingen (Adams, Pratchett, Colfer, Russell, um nur einige zu nennen) hier Tribut, nicht aber notwendigerweise blinde Verehrung zuteil wird.

Bleibt neugierig!

Paddy / Cpt. Metal


Trunk shot

An manchen Tagen sollte man einfach im Bett bleiben. Montags vor allem. Oder nach Kneipentouren. Oder wenn man schon vom Pladdern von Regen auf dem Laminat geweckt wird.

Heute war Montag. Das war das erste, was schief lief, allerdings angesichts der simplen Tatsache, dass gestern Sonntag war, theoretisch abzusehen gewesen wäre.

Es war der Tag nach einer Kneipentour, was im Grunde schon am Vorabend schief gelaufen war. Das, die Ehre muss der Wahrheit eingeräumt werden, war in dieser Form nicht abzusehen gewesen.

Jan wurde vom Pladdern von Regen auf Laminat geweckt, was zwar besonders gründlich schief lief, aber, sofern man den Wetterberichten des Wochenendes aufmerksam gefolgt wäre, was er natürlich nicht getan hatte, ums Verrecken nicht abzusehen gewesen war. Bei bestem Willen nicht, bedachte man die Hitzewelle der letzten Tage.

War gestern Sonntag gewesen? Musste wohl. Er hob ein Augenlid auf Halbmast und schätzte die Entfernung zum Bad sowie den voraussichtlichen Kraftaufwand zur Erreichung desselben ab, wog diesen gegen die Dringlichkeit des Bedürfnisses, pinkeln zu gehen, auf, und entschloss sich, das Augenlid wieder schlafen zu legen. Es hatte im Grunde nur ein schnelles Bier im „Jekyll & Hyde“ sein sollen, seinem Hagener Lieblingspub, eine rauchige Eckkneipe mit anständiger Rockmusik und tauglichem Angebot an irischem Bier und schottischen Whiskeys. Nur eben auf dem Heimweg vom der Arbeit die Kehle befeuchten, schauen, wer aus seinem Bekanntenkreis zufällig auf die gleiche Idee gekommen war, und vielleicht ein bisschen mit der holden Weiblichkeit schäkern, sofern vorhanden. Das war der Plan.

Die Realität stellte ihn zunächst vor die bittere Tatsache, dass fast keine Frauen im „Jekyll“ anwesend waren, als hinkam. Dafür wurde er vom lauten Hallo zweier Freunde begrüßt, die bereits einen beträchtlichen Satz leerer Pintgläser mit aufgedruckten irischen Harfen vor sich stehen hatten. Die nächste Stunde war vom eifrigem Bestreben seinerseits bestimmt gewesen, aufzuholen, was Kay und Mark schon vorgearbeitet hatten. Etwa ab der Mitte der zweiten Stunde kam der Versuch hinzu, trotz einer diesbezüglich sehr erfolgreichen Aufholjagd die drei Vertreterinnen eben jener Weiblichkeit anzuschäkern, die es zu Beginn versäumt hatten, anwesend zu sein, zwischenzeitlich aber nachgekommen waren und ihr Bestes gegeben hatten, ihrerseits aufzuholen, was die drei Freunde schon weg hatten.

Das Ergebnis war ein in diesem Ausmaß nicht geplantes Saufgelage, das im Laufe der Nacht hoffnungslos ausgeartet war und nun dafür sorgte, dass Jan sich vage zu Differenzialberechnungen veranlasst fühlte, um zu ermitteln, ob er seinen pochenden und gefühlt auf die vierfache Größe angeschwollenen Brummschädel durch die Badezimmertür bekäme, nachdem ein plätscherndes Geräusch aus nächster Nähe dem Drang, seine Blase zu entleeren, den entscheidenden Nachdruck im Streit mit dem Augenlid verschafft hatte. Das plätschernde Geräusch stammte vom Pladdern des Regens auf genau den Bereich des Laminats, auf den er gerade seine Füße setzte. Diese Information erreichte sein zentrales Nervensystem allerdings erst, als diese sich, unfreiwillig beschleunigt, auf dem Weg nach oben befanden. Mit einem dumpfen Knall landete er schwer und rücklings auf dem nasskalten Boden.

Er rieb sich den Hinterkopf. Der Rest war glücklicherweise auf etwas Weichem gelandet. Einer Hose, wie sich herausstellte, und nicht seiner. Moment mal. Ein vager Duft nach kaltem Rauch, aber auch blumigem Parfüm, ging davon aus. War er alleine heimgekommen? Verdammter Whiskey … und doch, langsam kehrte die Erinnerung zurück, als er sich mit immer noch schmerzendem Schädel aufrappelte, sich die Jeans ins Gesicht drückte und ihren Duft einsog. Ja, bei seiner Heimkehr war er in Begleitung gewesen. Ja, es war geknutscht worden. Aber dann? Er sah sich nach weiteren Hinweisen in seiner Singlebude um. Und nach der Frau, natürlich. Wo war sie? Hatte sie die Flucht ergriffen, nachdem sie die chaotische Bude gesehen hatte? Die unzähligen und bis auf hartgewordene, angenagte Hefeteigränder leeren Pizzaschachteln? Das vier Quadratmeter große Poster von Tyra Banks über dem Bett? Aber wieso sollte sie dann ihre Hose hier lassen? Jan stand in seiner Stube, nackt, allein, mit einer fremden Jeans in der Hand und einem Gesichtsausdruck, den normalerweise Pauschaltouristen um fünf Uhr morgens aufsetzen, während sie auf Raststätten damit beschäftigt sind, den Rücklichtern des Busses, in dem sie jetzt eigentlich sitzen sollten, beim Kleinerwerden zuzuschauen.

Ich bin mit Sicherheit letzte Nacht betrunken genug gewesen, dachte er, als dass meine Leistungen als Liebhaber mit Leichtigkeit ein unterirdisches Niveau erreicht hatten. Trotz oder gerade wegen der albernen Plüschhandfesseln, die, wie er soeben registrierte, tatsächlich am Kopfteil seines Bettes baumelten, statt wie sonst in der Schublade zu liegen. Aber so grauenvoll, dass sie ohne ihre Hose das Weite gesucht hatte? Und, wie er sich weiterhin fragte, als er einen dunkelroten Satintanga unter dem Bett entdeckte, ohne eben diesen? Nein. Trotzdem trottete er durch seine vierzig Quadratmeter, suchte wie-hieß-sie-noch, fand sie nicht, dafür aber einen kniehohen Damenstiefel, der nicht seiner war, und war hoffnungslos unglücklich. Marlene? Ein klassischer Name. Mit M. Oder mit C? Charlotte, konnte das sein? Jetzt wird’s aber langsam wirklich Zeit, pinkeln zu gehen, entschloss er sich. Carina? Den Wasserhahn aufdrehen und ein Glas mit Wasser füllen. Cassandra? Zähne putzen. Aspirin suchen. Oder doch Melanie?

Unter der Dusche fiel ihm zunächst wohlig warm auf, dass sein Körper nach Sex roch, im Schritt nach Latex, nach dem blumigen Parfum von … ihr. Als ihm Schaum über den Rücken lief, bemerkte er das heiße Gefühl frischer, leicht brennender, fast paralleler Kratzer, zwischen den Schulterblättern. Und als drittes fiel ihm eiskalt auf, dass in der Tat Montag war und er seit mindestens mehreren Stunden damit beschäftigt sein sollte, fremde Pakete auf DHL-eigene Fließbänder zu wuchten.

Den restlichen Schaum aus den Haaren zu schütteln, sich abzutrocknen und in frische Socken und eine Hose zu schlüpfen, war im Grunde eins. Etwa dreißig Sekunden gingen für die vergebliche Suche nach einem Gürtel verloren, aber zwei Minuten später saß er angezogen in seinem Volvo und manövrierte das flaschengrüne, schwedische Schiff auf die Spichernstraße, bergauf Richtung Krankenhaus und dann nach links zum Friedensplatz. Was für ein Scheißmorgen! Trotz Kater und Filmriss ließen alle Anzeichen auf eine vorzügliche Nummer in der vergangenen Nacht schließen, die erste seit Monaten, und nicht nur, dass das dazugehörige Mädchen einfach weg war, sie hatte auch jede dazugehörige Erinnerung mitgenommen. Tief deprimiert schaltete er in den dritten Gang und das Radio an. Ihm war sogar die Lust zu fluchen vergangen, als er zu den Klängen von The Verves „Bitter sweet symphony“ das Schlingern und Bocken des Autos bemerkte, das im internationalen Fachjargon der Kraftfahrzeugdefekte „Plattfuß“ bedeutete, setzte resigniert den rechten Blinker, rollte an den Straßenrand und kam ruckelnd vor einer Garageneinfahrt zum Stehen. Mittlerweile rechtschaffen angepisst von dem Tag ging er um seine Räder herum, um im hoffnungslos vermüllten Kofferraum das Werkzeug und seinen Ersatzreifen zu suchen.

Er klappte den Kofferraum auf.

Er blickte in die toten Augen einer nackten, jungen Frau, die ihn anstarrte.

Er klappte den Kofferraum wieder zu.

Er übergab sich heftig hinter einen Müllcontainer.

Caroline, so hieß sie.

Nachdem die Krämpfe in seinem Magen nachgelassen hatten, fühlte er sich ganz genau kein Stück besser. Kraftlos fiel er mit dem Arsch auf den Bordstein. Was war passiert? Wer hatte das Mädchen … und wie kam sie jetzt … ?

Alle Sinne wie in dicke Watte verpackt, taumelte er zurück auf seinen Fahrersitz. Weg hier! Nichts wichtiger, als eine ruhige Stelle zu finden, um klarzukommen. Die grobe Einhaltung der wichtigsten Verkehrsregeln überließ er in blindem Vertrauen seinem Unterbewusstsein, als er das große grüne Schiff in Richtung Hagener Süden lenkte. Zum Pendlerparkplatz am Staplack. Um diese Zeit ein perfekter Ort. Ungestört und angemessen abgelegen.

An manchen Tagen sollte man einfach im Bett bleiben. Hätte ich das heute machen sollen, oder schon gestern, bevor die ganze Kacke losging?So gut kann der Sex nicht gewesen sein, als dass er das hier aufwiegt. Verdammte Scheiße!

Hinter dem Pendlerparkplatz machte Jan eine Nische zwischen dichtem Brombeergesträuch und zwei großen Holzstapeln aus und schaffte es beim zweiten Versuch, den Volvo dort hinein zu quetschen. Mit zitternden Knien schlich er zum Heck, steckte sich die vierte Zigarette innerhalb der letzten Viertelstunde an und öffnete, noch immer halb betäubt, erneut den Kofferraum. Da lag sie. Wunderschön, splitternackt, zart, zerbrochen. Nein, nicht nackt. Nicht ganz. Alles, was sie trug, war ein Gürtel. Sein Gürtel. Der mit der Harley-Davidson-Schnalle, den er gestern Nacht getragen hatte.

Und um die Hüfte trug sie ihn nicht.