Archiv der Kategorie: Aufgeschrieben

Getagged: der Tag des Protagonisten

Ich wurde von Mark getagged. Das mit dem Antagonisten hast du geschafft. Damned, hatte heute morgen ganz was anderes vor. Schwachkopf! … aber da ich bei so etwas nur schwerlich widerstehen kann: hier sind meine Antworten …

1: Welches ist dein liebster Held, dein Lieblingsprotagonist?
Da muss ich Mark zustimmen: Ein Held braucht Schrammen, Fehler, und Ticks. Eine eigene Sicht auf die Welt, und wie sie funktioniert, macht ihn auch lebendiger als zwanzig Flashbacks. Mir gefällt Siggi Baumeister aus den Eifel-Krimis, gerade wegen der fast banalen Lebensnähe und dem so bewussten Umgang mit den eigenen Fehlern. Ich mag Daniel McEvoy aufgrund seiner Selbstironie und seiner Art, Probleme zu lösen. Wenn ich mich jedoch auf einen festlegen sollte, muss die Wahl auf Sam Mumm aus den Scheibenwelt – Romanen fallen, mit dem ich mich neben allem anderen auch am deutlichsten identifizieren kann. Außer mit seinem Abstinenzlertum … aber sein Auftritt in „Die Nachtwächter“ ist unschlagbar.

2: Welches ist deine liebste Heldin, deine Lieblingsprotagonistin?
Dabei fällt mir als erstes auf, dass mein Bücherregal voller Testosteron steckt. Kaum weibliche Helden. Das wird also fast zwangsläufig eine Suche nach Nebencharakteren … obwohl: Marla Singer aus Palahniuks „Fight Club“. Die ist stark, auch aus der zweiten Reihe.

3: In welchen Charakter hast du dich sofort verliebt?
Fenchurch aus der „Per Anhalter“ – Reihe. Auch wenn die schon den Oscar in Frage 5 abstaubt … egal. Die war süß, ohne jemals kitschig süß zu wirken.

4: Mit wem aus der Buchwelt könntest du Pferde stehlen?
Mit Don Corleone. Aber der würde mir vermutlich eher einen caporegime mitschicken, statt selber zu gehen. Und der würde von dem Pferd nur den Kopf mitnehmen. Was mach ich dann mit dem Rest? Dann eher mit Ford Prefect. Mit dem könnte ich das Pferd vorher noch lackieren. Wir würden uns vermutlich nur über die Farbe streiten…

5: Welches ist dein liebstes Paar?
Die Frage hat mich gepackt und hingerissen; und von allen Paaren klar am meisten hingerissen haben mich Arthur Dent und seine Fenchurch aus der inzwischen sechsteiligen „Per Anhalter durch die Galaxis“ – Trilogie. Eine so federleichte, zauberhafte und trotz supernatürlichen Anklängen lebensnahe Liebesgeschichte ist mir nicht wieder untergekommen. Wird auch nicht wieder. Auch wenn sie das bizarrste aller Enden nimmt: so will ich was über Liebe lesen. Danke, Douglas!

(und dass es Eoin Colfer gelungen ist, in seiner Fortsetzung die gleiche Leichtigkeit wieder aufzugreifen, die selbe Saite anzuschlagen, verdient höchsten Respekt)

6: Mit welchem Paar konntest du dich so gar nicht anfreunden?
Robert Langdon und Sophie Neveu aus Browns „Sakrileg“. Obwohl, eigentlich mit allen Paaren, die Brown so zusammengestoppelt hat. Der kann schon einiges nicht, aber ganz besonders mißlingen ihm Liebesgeschichten. Und diese hilflosen Heldenkopulationen an den Buchenden … überlaßt das Bond. James Bond. Der darf das.

7: Wer ist dein liebster Nebencharakter?
Da fällt mir als erstes der akribische, schrullige, geniale Rodenstock aus den Eifel-Krimis ein … ein Kriminaloberrat a.D., der sich fantastisch in fixe Ideen verrennen kann, von Selbstzweifeln geplagt ist, voll in einen Tunnel geht, wenn ihn etwas beschäftigt, ohne den aber sämtliche Geschichten der Reihe einfach nichts taugen würden. Wobei zuletzt Zeb Kronski („Der Tod ist ein bleibender Schaden“) mächtig aufgeholt hat, gerade weil er so behämmert gedankenlos und destruktiv ist.

8: Wen kürst du zum fiesesten Antagonisten?
Carcer aus „Die Nachtwächter“ (siehe oben) ist schon ein Riesenarsch („Bei ihm saß ein Dämon auf beiden Schultern, und sie feuerten sich gegenseitig an.“). Colonel Nathan R. Jessup aus „Eine Frage der Ehre“, mit seiner machterfüllten Arroganz, liegt da auch schön weit vorne. Die mieseste Ratte von allen ist aber wohl die sadistische, verblendete Annie Wilkes („Misery“). Brrrr. Auf den Scheiterhaufen mit ihr!

9: Wem würdest du einmal gehörig deine Meinung sagen?
Jan Fabel aus der „Blutadler“ – Reihe von Craig Russell. Wobei etwas versöhnlich stimmte, dass er sich im vierten Teil (Carneval, spielt in Köln) tatsächlich mal widerwillig locker gemacht hat.

10: War für dich schon einmal ein Antagonist der wahre Held?
Zählt das, wenn ich Tyler Durden nenne? Oder ist der zu sehr Protagonist? Nee, der stellt den Archetypen des Antagonisten und gleichzeitig einen der markantesten Helden der Literaturgeschichte. Also, ja.

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Dark Rain City

Es ist einige Jahre her, dass ein Freund von mir, der zusammen mit einem Kollegen bei der Drogenfahndung arbeitete, eine Idee hatte. In dieser ging es um eine Droge, die die Konsumenten zu Zombies macht.

Es ist einige Monate her, dass ich mit diesem zusammen eine weitere Idee hatte. In dieser ging es um eine Geschichtensammlung, in der eine Stadt am Rande des Zusammenbruchs die Hauptrolle spielt. Dark Rain City war geboren.

Es ist einige Wochen her, dass beide Ideen zusammenkamen. Das Projekt heißt „Dark Rain City“, das Thema heißt Zombiedroge, das Format wird eine Anthologie, der Autoren sind vier, das Besondere daran wird sein, dass ein eigens hinzugezogener Zeicher Teile davon illustrieren wird. Und wenn uns der Teufel reitet, sprechen wir das Ganze noch hörbuchmäßig ein.

Es ist einige Tage her, dass mein Beitrag zu diesem Projekt fertig geworden ist. Hier ist ein Ausschnitt. Ein Teaser. Ein Happen für die Meute. Eine Perle vor die Säue. Get greedy!

>>Als Pat sich umdrehte, sah er einen düsteren Mexikaner allein an einem Tisch in der Ecke sitzen. Anhand von Moses´ Beschreibung erkannte er den Mexikaner sofort, obwohl der seinen Hut tief ins Gesicht gezogen hatte. Schwarzer Mantel, schwarzer Hut, darunter ein schwarzer Bart, der zu drei Zöpfen geflochten war. Die schwarze Lederhose steckte in völlig unpassenden hellen Wildlederstiefeln mit bunten, dreieckigen mexikanischen Stickereien. Das musste er sein. Auf dem Weg zu seinem Tisch musste Pat nur über zwei Schnapsleichen steigen.

Pueblo?“

Wer will das wissen?“

Murphy. Wir haben einen gemeinsamen Bekannten. Der hat mir Ihre Karte gegeben und gesagt, dass Sie mir bei einem Job weiterhelfen können.“

Daumen und Zeigefinger des Mexikaners krochen aus dem Ärmel hervor und lüfteten die Hutkrempe. Pueblo musterte den Iren von oben bis unten.

Murphy, eh?“ Pueblo spuckte auf den Boden. „Pass auf, chico, du siehst aus, als wärst du neu in der Stadt. Bevor ich mit Einzelheiten rausrücke, pflanz deinen Arsch hin, und hör zu. Das hier ist Dark Rain City, Cabrone, und kein Vorgarten in Scheißohio. Das ist nichts für maricas. Und das sind die Regeln…“

Pat pflanzte seinen Arsch hin. Er nahm einen weiteren Zigarillo aus seinem silbernen Etui, schob ihn in seinen Lieblingsmundwinkel, kramte nach Streichhölzern und riss sein Letztes an Pueblos Stiefelsohle an. Der Stiefelsohle, die keine Sekunde später derart heftig gegen den Stuhl trat, dass Pat lang auf dem Nachbartisch einschlug.

Der ganze Laden war vor Schreck in Stille erstarrt. Alle starrten ihn an. Alle starrten Pueblo an. Alle starrten die Stiefel an. Einige, die ausreichend Sicherheitsabstand zu dem Geschehen hatten oder gut genug bewaffnet waren, begannen verstohlen zu tuscheln. Pat meinte Dinge zu hören wie: „Hat der lebensmüde Irre gerade seine Stiefel angefasst?“, „Wofür hält sich der Typ, Batman oder so?“, „Kennt einer nen billigen Bestatter?“ und „Get the fuck out of here!“ Stühle wurden gerückt. Der Wirt brachte mit vorsichtigen Bewegungen die wertvolleren Flaschen in Sicherheit. Pat stellte fest, dass sein Streichholz trotz der ziemlich abrupten Beschleunigung noch brannte, und zündete seinen Zigarillo an. Der Einfachheit halber blieb er liegen, wo er war.

Regel eins, chico: Fass nicht meine Stiefel an.“<<


Freitagsfüller #206 – Schreiben übers Schreiben

Es könnte, wenn man sich mal an die Denkweise gewöhnt hat, echt einfach sein, ein Buch zu schreiben. Ich lese selber viel. Ich höre gelegentlich Hörbücher. Inzwischen schreibe ich ja tatsächlich, wenn auch nur im kleinen Rahmen. Ich höre einem guten Freund und Kollegen zu, der inzwischen an seinem dritten Roman arbeitet. Und der hat mir einen alten Floh wieder ins Ohr gesetzt: seit Jahren will ich selbst mal was Großes schreiben, aber es ist nicht so einfach. Die ersten Ideen sind da. Ein Krimi soll es werden. Etwas Mystisches soll rein. Etwas Ungewöhnliches. Und, wenn es passt, ist auch ne satte Portion schwarzer Humor höchst willkommen. Nur, wie?

Ich will jetzt nicht jammern. Die ersten Strukturen stehen. Ich finde nur noch nicht den Dreh, alles passend zusammenzuführen. Ein gutes Gerüst zu bauen, an dem die Story dann hochklettern kann, fällt schwerer, als ich dachte. Aber was mache ich mir ins Hemd? Ich habe nicht den Anspruch, große Kunst zu erschaffen (wenn man den Anspruch hat, davon bin ich überzeugt, bleibt die Kreativität völlig auf der Strecke, und davon habe ich normalerweise überreichlich). Und ich habe keine Angst davor, was hinterher eventuelle Leser sagen könnten. Einigen wird es gefallen, anderen nicht. Ganz normal. Über Lob freue ich mich, Kritik nehme ich mir auch gerne an, und Nörgler esse ich gerne zum Frühstück.

Heute habe ich frei. Es ist ein bißchen Zeit, sich hinzusetzen und den Haufen an Ideen, der sich mittlerweile schon aufdrängt, mal in Form zu bringen. Wenn mir heute dann nicht die Wahnsinnsidee kommt, dann vielleicht morgen. Ich bin immerhin nicht darauf angewiesen, finanziell oder so, bis nächste Woche einen „Paten“, den „Herrn der Ringe“ oder „Das Schweigen der Lämmer“ neu zu erfinden. Und das ist auch gut so.

Was das Wochenende angeht, heute Abend freue ich mich auf den ersten Tarantino, den ich im Kino sehe (wurde verd***t noch mal Zeit), morgen habe ich Frühdienst und Sonntag möchte ich einfach nur noch mehr Sonne. Und vielleicht auf die oben angesprochene Idee kommen.

Rock on!

Cpt.Metal

 


Montagstext #4 – 3,6 Sekunden

Einundzwanzig. Zweiundzwanzig. Dreiundzwanzig. Vierundzw. Man braucht drei Komma sechs Sekunden, um so weit zu zählen. 3,6 Sekunden, die mal ein Basketballspiel entschieden haben. Aber ich greife vor.

Es läuft die Basketballsaison 2008 / 2009. Phoenix Hagen spielt derzeit in der Pro A, der zweiten Bundesliga im deutschen Profibasketball. Es läuft nicht schlecht, der Aufstieg rückt, wenige Spiele vor dem Saisonende, in greifbare Nähe. Aber wie das im Sport so ist: es ergeben sich gelegentlich seltsame Serien und Mythen. So spielt Phoenix seit vier Jahren in der Pro A, und es hat gegen eine Mannschaft aus dem Osten, aus den „neuen Bundesländern“, noch nie zu einem Sieg gereicht. Egal ob daheim oder auswärts, egal ob Weißenfels, Chemnitz oder Jena, es ist wie ein Fluch. Und heute steht ein Auswärtsspiel bei Science City Jena an. Ausgerechnet. Ort des Geschehens ist eine mobile Traglufthalle. Ein Zelt im Grunde, das ein paar Kilometer vor Jena liegt, und das an diesem Tag unter anderem von knapp hundert ausgeflippten Hagenern gefüllt ist. An diesem Tag, von dem noch heute geschwärmt wird…

Es stehen 81 Punkte für Jena gegen 83 von Hagen. Auf dem Feld in den blauen Auswärtstrikots mit den gelben Nummern stehen der belgische Dreipunkteschütze Thomas Dreesen, das deutsche Center-Urgestein Bernd Kruel, der stille Small Forward Zach Freeman, der lange Aaron Fleetwood und Aufbauspieler Chase Griffin. Jena ist in Ballbesitz, der Spieler mit der Rückennummer 14 setzt zum Dreipunktewurf an. Ein Treffer würde die Führung bedeuten! Thomas Dreesen schlägt ihm gegen den Wurfarm. Der Pfiff. Die Uhr wird gestoppt, bei 3,6 Sekunden. Die Spieler schauen, verschwitzt und angespannt, zum Schiedsrichtergespann. Der erste Schiedsrichter zeigt drei Freiwürfe an. Das Foul erfolgte in der Wurfbewegung, also gibt es für jeden Punkt, den der Werfer hätte erzielen können, einen Freiwurf. Jeder Treffer zählt dann einen Punkt. Trifft er nur einen, bleibt Hagen in Führung. Trifft er zwei, gleicht er aus. Trifft er alle, liegen die Blau-Gelben hinten. Drei Komma sechs Sekunden vor dem Ende!

Fünf Komma acht Meter ist die Freiwurflinie von der Mitte des Korbs entfernt. Der Spieler mit der schwarzen 14 auf dem weißen Trikot tritt an die Linie, und der Schiedsrichter übergibt den Ball. Eine junge Frau neben mir hält mit einer Kamera die Szene fest, ich sehe, wie ihre Hände beim Filmen beben. Der erste Wurf fliegt, tickt gegen die Ringbasis, tickt auf den Ring, fällt herunter. Nur noch zwei Treffer möglich! Der Schweiß läuft, trotz eisigem Februarwetter, innen an den Zeltwänden herab. Der zweite fliegt und – trifft! 82:83. Der Ball wird zum dritten Mal übergeben. Bernd Kruel und Zach Freeman stehen innen an der Freiwurfzone, angespannt, fixieren den Korb, lauern auf einen Fehlwurf, auf den richtigen Moment, zum Rebound hochzuspringen. Es ist totenstill in der Halle. Die 14 wirft den Ball vor sich, dribbelt, einmal, zweimal, dreimal. Er holt aus, wirft, eine Frau aus dem Hagener Fanblock schreit „nein, nein, nein“, doch er trifft erneut! 83:83. Bleibt es dabei, kommt es zur Verlängerung. Die Hagener #15, Bernd Kruel, nimmt den Ball auf, tritt hinter die Grundlinie, sieht sich um. In dem Moment, in dem ein Spieler auf dem Feld den Ball wieder berührt, beginnt die Uhr wieder zu laufen…

Chase Griffin rennt los, in einem Bogen auf Kruel zu, kriegt den Pass, er fängt, er rennt! Der Zehner von Jena läuft neben ihm, versucht ihm den Ball abzujagen, doch Griffin ist schneller. Er springt ab, kurz vor der gegnerischen Dreierlinie, reißt die Arme hoch. Die Linke lässt den Ball los, mit der Rechten wirft er, in letzter Sekunde verlässt der Ball die Hand. Fliegt. Die Schlusssirene dröhnt durch das Zelt. Unterbricht die atemlose Stille, in der der Ball in hohem Bogen auf den Jenaer Korb zufliegt. Er trifft! Er zählt! Das ist der Sieg! Die Spieler rennen Richtung Fanblock, kommen zu uns. Ich klatsche Chase ab, er fällt mir gleichsam in die Arme und klaut mir den letzten Schluck Bier, und ich kriege nichts weiter raus als ein heiseres „Good job, dude!“ Was für ein Abend, was für ein Spiel!

Und am Saisonende, ein paar Wochen später, sind wir tatsächlich aufgestiegen …


Hier ist die Aufgabe für den vierten Montagstext:

Thema: Sport. Wörter: in letzter Sekunde / Aufstieg / schneller / Kamera.

Rock on!

Cpt.Metal


Montagstext #3 – Cheater´s Stew

Es regnete in Strömen. Es stürmte. An der schmutzigen Fensterscheibe lieferten sich dicke, kalte Tropfen hastige Wettläufe. Das Licht im Pub war von düsterem Gelb. An einer Seitenwand, gegenüber der kleinen Bühne, stand ein mächtiger Kamin. Die düster glimmenden Buchenscheite darin heizten den fast fünfzig Gästen, Berg- und Landarbeiter, Gammler und Gambler, Handwerker und Landstreicher, kräftig ein. Die Luft war stickig, und es roch nach Schweiß, Rauch und billigem Whisky. Auf der Bühne saßen zwei Musiker und spielten ein Stück über irgendeine dreckige, alte Stadt. Vor der Glut saßen fünf Männer bei einem Pokerspiel und verzockten mit sehr unterschiedlichem Erfolg Haus und Hof. Neben dem Kamin, von seinem Schatten fast verborgen, saßen zwei Männer, nennen wir sie Ian und Craig, an einem nicht sehr wackligen Eichentisch. Unbehelligt von allen anderen riss einer ein Streichholz an und gab sich und dem anderen Feuer, während sie warteten.

„Dauert das in diesem Schuppen immer so lange?“

„Was denn?“ nuschelte der andere an seinem Zigarillo vorbei, zu den Kartenspielern blinzelnd.

„Das Essen. Mann, ich hab seit Samstag nichts auf der Gabel gehabt.“

„Keine Ahnung. Alles, was ich hier bisher hatte, war flüssig.“ Er lachte schallend. „Lass bloß die Finger von dem Zeug, das die hier Whisky nennen! Nachdem ich´s probiert hatte, mussten sie mich mit ner Schubkarre hier rausbringen. Hinterher war ich natürlich pleite. Und fast zwei Tage lang blind.“

„Ich scheiß auf das Gesöff. Ich hab Hunger. Gibt’s hier sowas wie ne Kellnerin, oder muss ich den verschissenen Koch um ne verdammte Audienz bitten? Verdammt, ich riech doch was Gebratenes hier. Was soll das, wo gibt’s das?“

Der andere behielt die Zocker im Auge, sah aber zu seinem Kumpel, als dieser zusehends argerlich wurde. Zwei Meter, ein Kreuz wie Herr Jesus persönlich, und Hände, mit denen er vermutlich Pferde sechs Meter weit werfen konnte. Keine gute Idee, dachte er, dem hier was abzuschlagen. Das Knurren aus seinem Bauch klang dunkel und unheilverkündend. Wenn ein Hund, der vor mir steht, so knurrt, ich würd mich einscheißen und das Weite suchen.

Inzwischen hatte ihn das Gerede über Essen selbst hungrig gemacht. Er holte die nächste Runde Bier und bestellte das Tagesgericht für beide. Nicht, dass er die Wahl gehabt hätte, etwas anderes zu bestellen. Es gab Irish Stew, und das an jedem verdammten Tag in jeder verdammten Woche, das ganze verdammte Jahr über. Die Aufschrift „Tagesgericht: Irish Stew!“ an der schwarzen Tafel neben dem Tresen war tausendmal bis zur Unkenntlichkeit verwischt und tausendmal neu geschrieben worden. Keinen hätte es überrascht zu erfahren, dass das Stew seit zwanzig Jahren täglich neu aufgewärmt würde.

Er hielt die Spieler wieder im Blick, als er die neu gefüllten Pints vor sich und seinen massigen Kumpel stellte. Dessen Gesicht verkündete acht Jahre schwere Unwetter, und er leerte sein Glas mit dem ersten Schluck bis zur Hälfte. Nebenan schien ein Spieler, ein kleiner Dockarbeiter, seiner Kleidung nach zu urteilen, eine echte Glückssträhne zu haben. Jedenfalls war es seine ziegenhaft meckernde Stimme, die nun zum vierten oder fünften Mal nacheinander den Herrn für ein glückliches Händchen pries. Der Ärger seiner unglücklichen Mitspieler wurde allmählich ebenso fühlbar, wie der des vierschrötigen Hungernden.

Zwei neue Pints, ein weiterer Riesenschluck und eine dreiminütige, gälische Schimpftirade später öffnete sich die Schwingtür zur Küche, und der Koch trat mit strahlendem, verschwitzten Gesicht an ihren Tisch. Er stellte zwei mächtige Teller vor sie hin und wünschte gesegneten Appetit.

Der Riese betrachtete staunend seine Portion. Seine Gesichtszüge glätteten sich, wahrhaftig, er lächelte! Ein Berg großer, sanft angebratener Kartoffelwürfel, auf denen geschmorte Zwiebeln glänzten. Ein deftiger Geruch nach Fleischbrühe und frischer Petersilie stieg auf und ließ ihn wollüstig sabbern. Karotten und dunkle, fette Stücke Fleisch, überall zwischen den Kartoffeln. Das Aroma von scharfen Gewürzen lockte kleine, glückliche Tränen in seine Augenwinkel.

Zum sechsten Mal in Folge feierte der Ziegenmann von nebenan einen Sieg, doch sein blökendes Lachen wurde diesmal von den wüsten Flüchen seiner Mitspieler übertönt. „Betrüger!“ brüllte einer, und ein satter Punch mit der Rechten ließ die Ziege vom Stuhl aus hoch und nach hinten fliegen, wo er unter großem Gejohle und Geschrei einen Eichentisch und zwei gigantische Portionen Irish Stew mit sich zu Boden riss.

Er starrte vom Boden aus entsetzt nach oben. Selbst sein Bart hätte von einer Ziege stammen können. Der Hüne starrte zurück, das Besteck im Anschlag.

„Du“, grollte er wie der Donner persönlich, „hast mein Essen umgeworfen!“

„Du“, schrien die anderen Kartenspieler, „hast uns beim Pokern beschissen!“

„Und“, mischte sich der Wirt ein „du schuldest mir noch sechs Pfund!“

Der Ziegenmann kroch auf allen vieren nach hinten, zur Wand. Zwiebeln rutschten von seiner Hose, und Asse aus seinem Ärmel.

„Ich“, kreischte und stammelte er, „werde alles bezahlen! Bitte, tut mir nichts!“

„Du“ drohten die Spieler, „hast keinen Penny, der dir gehört.“

Es wurde dunkel über dem Ziegenmann. Er war umzingelt. Der Hüne hob ihn mit einer Hand zur Decke und versetzte ihm einen Faustschlag, der ihn durch die Schwingtür fliegen ließ.

„Und bring zwei neue Teller mit, wenn du zurückkommst!“ brüllte ihm der Riese hinterher. „Ich bin verdammt nochmal hungrig!“

„Sind schon in Arbeit“ ließ sich die dünne Stimme des Kochs vernehmen. „Dauert aber was…“

Minuten später lag der Ziegenmann angekettet an der Küchenwand. Sein Mund war geknebelt. Zu seinem Glück hatte der Schlag ihn in eine tiefe Ohnmacht versetzt. Das Fehlen seines linken Unterschenkels würde ihm erst später auffallen. „So ergeht es Betrügern, ganz recht“ sang der Koch vor sich hin. Dann schob er mit einem Messer fein angebratene Stücke Fleisch vom Hackbrett in den Topf, und durch die Küche wehte der Geruch des feinsten Stews, das in diesem Teil Irlands je gekocht worden war.


Freitagsfüller #203

Der folgende Freitagsfüller ist reine Spinnerei! Ich mache mir keine Illusionen, dass die beschriebene Handlung so nicht machbar ist und empfehle niemandem, mir das Gegenteil beweisen zu wollen! Ähnlichkeiten mit bekannten Personen und Gebäuden sind ausdrücklich beabsichtigt, Abweichungen davon auch, wobei diese nur den Zweck erfüllen, eine Kurzgeschichte, die den Umfang einer A4-Seite nicht überschreiten soll, ans Laufen zu bringen. Denen, die mit dieser Art Humor etwas anfangen können, viel Spaß, und denen, die nicht: Bitte seid mir nicht böse.

>>Es schneit. Hier! Das muss das erste Mal seit Jahrzehnten sein, dass es hier, auf rund 42° nördlicher Breite, schneit. Das hat den Vorteil, dass heute kaum etwas los ist. Es sind keine Touristen hier, und selbst die Wachen staunen eher über die Wetterlage und kriegen Heimweh deswegen, als dass sie ernsthaft aufmerksam sind. Nachteil ist, dass jeder meiner Schritte zu sehen ist. Drecksschnee! Angespannt hocke ich in einem Mauerwinkel, halb von einem fast kahlen Gestrüpp verborgen, und überdenke meine Situation. Vielleicht sollte ich wann anders wiederkommen. Meinen Plan bei trockener Witterung durchzuziehen, wäre bestimmt die bessere Alternative. Aber weiß ich denn, ob es jemals wieder so leicht sein wird, auf ausgerechnet dieses Gelände zu kommen? Nein, eindeutig nicht. Heute, oder nie!

Ein Grund, warum ich das hier tue, ist Neugier. Ich habe nicht die Absicht, als Attentäter in die Geschichte einzugehen – mein Ziel macht es eh nicht mehr lange, ist alt und schwach, wie er selbst sagt. Wäre ich ein Attentäter, und würde ich das Ding hier bis zu einem bösen Ende durchziehen, ich würde mich nur lächerlich machen, und hinterher als Erzfeind von Milliarden dastehen. Darauf kann ich verzichten. Nein, ich will einfach wissen, ob es machbar ist. Einen bizarren, nie dagewesenen Witz durchziehen, und vielleicht hinterher YouTube – Millionär werden. Ich checke meine Ausrüstung. Stirnleuchte und -kamera, der Gebäudeplan, zuletzt die beiden knapp faustgroßen, ovalen Objekte in der Gürteltasche. Alles am Platz und bereit. Los geht’s!

Ich passe die nächste Runde der Wachen ab, husche zwischen Säulen und fein manikürten Sträuchern hin und her und stehe Sekunden später an einer Seitentür. Am schwierigsten ist, mir das Lachen zu verkneifen. So leicht! Wachen, denke ich, sind immer dann aufmerksam, nachdem etwas passiert ist, nicht vorher, nicht bei diesem Schweinewetter! Und diese hier bilden da keine Ausnahme.

Ich warte fiebrig, hinter einer Säule, den nächsten Moment ab, in dem sie außer Sicht sind. Rücke mit schweißnassen Händen meine Ausrüstung zurecht. Dann fingere ich eines der eiförmigen Dinger aus der Tasche, fast rutscht es mir aus den Händen, ich halte es fest, ziehe den Splint und schleudere die Rauchgranate mit aller Kraft in Richtung eines Nebengebäudes, zur Ablenkung. Blitzschnell bin ich im toten Winkel hinter der Tür verschwunden, als das Ding hochgeht. Gerade rechtzeitig! Sekunden nach dem Knall fliegt die Tür auf, und zwei Uniformierte rennen Richtung Rauch, als sei der Teufel hinter ihnen her! Bevor die Tür zufällt, bin ich drin. Messingpfosten mit roten Kordeln, marmorne Böden, unfassbarer Reichtum und Gepränge überall um mich herum. Predigt der Hausherr nicht Bescheidenheit? Ich habe Glück, dass eine Tür in meiner Nähe offensteht. Eine Besenkammer, wie sich herausstellt. Gerade teure Böden wollen ja gepflegt sein! Ich ziehe den Touristenführer aus der Tasche, orientiere mich kurz, luge aus der Tür und sprinte den Gang entlang. Kein Mensch weit und breit! Die stehen draußen und starren wie die Weltraumaffen in den Qualm, kratzen sich höchstens am Kopf, wo denn der nächste Feuerlöscher steht.

Unter dem atemberaubendsten Deckengemälde der Welt erlaube ich mir eine kurze Pause, um dem Auge meiner Stirnkamera auch was Schönes zu gönnen. Dann geht’s weiter, schnell! Ein Seitengang jenseits der roten Kordeln, extra mit vielsprachigen Schildern versehen, die besagen, dass Touristen hier verdammt nochmal nichts verloren haben. Ich höre rennende Schritte und helle Aufregung in weiter entfernten Teilen des Komplexes, bleibe hier aber unbehelligt. Renne auf leisen Sohlen weiter. Schaue schnell in jeden Raum. Büroräume. Der Verwaltungsapparat eines der größten Wirtschaftsunternehmen der Welt, wenn man so will. Eine Küche. Ah, endlich! Vor einer Tür bleibe ich stehen. Hole Luft, bin nervös bis in die Haarspitzen! Lese das dezente Schild an der Tür, lasse die Kamera mitlesen.

„Der heilige Stuhl“. Und hinter der Tür vernehme ich leise, aber eindeutige Geräusche. Mein Informant hatte recht. Um elf ist hier immer besetzt. Ich greife in meine Tasche, hole das andere Ding heraus, atme durch, und öffne die Tür mit einem Ruck.

Der Papst sitzt drei Meter vor mir, höchst privat beschäftigt, mit hochgeschobenem Gewand, angestrengtem rotem Gesicht, und schaut mich mit großen Augen an. Kriegt vor Überraschung und Entsetzen keinen Ton raus. Nicht mal, als ich meine rechte Faust erhebe, den Blick immer auf ihn gerichtet, und ihm schwungvoll aus kurzer Distanz das rohe Ei ins Gesicht werfe. Volltreffer! Und alles auf Band!

Ich mache auf dem Absatz kehrt und renne zurück, was das Zeug hält. „Und Händewaschen nicht vergessen!“ rufe ich noch. Wird er verstehen. Ist ja Deutscher. Ich schaffe es auf gleichem Wege wieder raus. Dass jemand diese Geschichte, so kurz vor seinem Amtsabtritt, an die große Glocke hängen wird, bevor ich das tue, kann ich mir nicht vorstellen.<<

Was das Wochenende angeht, heute Abend freue ich mich auf einen Besuch bei meinem besten Freund, morgen habe ich einen Spielabend geplant und Sonntag möchte ich sehen, ob meine Mannschaft mal wieder eine Überraschung bei einem Favoriten schafft!


Freitagsfüller #202

Am Rosenmontag gibt es eigentlich nur Hell oder Dunkel für mich: Entweder, Karneval wird richtig gefeiert, in Maske und Kostüm, mit Kamelle, Schunkelei und Bützje, kurz: im Rheinland. Oder ich will von dem ganzen Kram nichts mitkriegen. Echt nicht. Ich denke, um dieses Fest angemessen zu feiern, braucht es die richtige Mentalität, wie sie den Menschen in Köln, in Düsseldorf, in Mainz im Blute liegt. Alles andere ist ein schwachsinniger Abklatsch, eine blöde Ausrede für Alkoholismus in der Öffentlichkeit, ein lahmes, primitives Gewichse. Ich freue mich an solchen Tagen über jeden, der Karneval mit einer ähnlichen Einstellung angeht wie ich. Leider gibt es in meiner Stadt so wenige davon. Früher dachte ich noch: Dafür, dass wir so weit (ca. 70 km) vom Rhein entfernt sind, ist zu Karneval eigentlich ganz gut was los hier. Heute sehe ich das anders. Ich möchte jedem, der einen Trinkhelm (ihr wißt schon, wo man Bierdosen anklipst, von denen aus dann Schläuche in die Visage führen, damit man beim Saufen die Hände frei hat) für eine angemessene Verkleidung hält, einfach nur in seine fröhliche Fresse hauen. Mach ich aber nicht. Weil ich ein friedliebender Mensch bin.

Einer meiner Träume ist trotz allem Frust, den ich wegen Karneval hierzulande erlebe, das Fest einmal richtig zu feiern. Mit ein paar Freunden, in guten, ausgefeilten, kreativen Kostümen, vielleicht unter einem gemeinsamen Motto, und dann ruhig und friedlich durch die Düsseldorfer (sorry Köln, aber euer  Zeug schmeckt mir nicht) Altstadt zu ziehen, sich nicht über das Maß zu betrinken, und keinem mehr als unbedingt nötig auf den Sack zu gehen. Kann bestimmt total gut werden, hab ich aber in der Form tatsächlich noch nicht erlebt. Und wenn man es nicht hinschafft, wäre Schnarchen die passende Alternative. Einfach rechtzeitig vorher einpennen, bis der ganze nachgemachte Irrsinn, der hier Karneval genannt wird, vorbei ist. Man hat sich in meiner Stadt vor ein paar Jahren sogar einen eigenen, hochnotpeinlichen Karnevalsausruf ausgedacht, um auch irgendwie jeck zu sein. Womit hab ich das verdient?

Woher kommt eigentlich der Ausdruck „Karneval“? Irgendwoher schwappt mir ein Zusammenhang mit Fleischfresserei („carne“) im Gedächtnis herum, ich weiß aber nicht, ob das stimmt oder auch nur einen tatsächlichen Bezug hat. Wenn nicht, könnte man einen herstellen. Eine Geschichte darüber schreiben, dass sich die Teilnehmer eines Karnevalsumzugs in menschenfressende Zombies verwandeln? Klingt nach nem Plan …

Zombiewalks werden in immer mehr Städten abgehalten, wie eine Art Kontrastprogramm zu Karneval. Ohne Sauferei, und ohne andere Leute anzupöbeln, dafür mit ausgefeilten Verkleidungen. „Be undead, be polite“. Find ich gut.

Was das Wochenende angeht, heute Abend freue ich mich auf den Besuch meiner Tochter , morgen habe ich ein gutes Frühstück geplant und Sonntag möchte ich wahrscheinlich Trinkhelmträger umschubsen!


Montagstext #1

„What the fuuuuu….!?“

Als Captain Arthur Black durch die künstliche Atmosphäre in der Kommandozentrale seines Raumschiffs „Space Cowboy“ flog, rückwärts und in vier Fuß Höhe, lag das keineswegs daran, dass mit dem gleichfalls künstlichen Gravitationsfeld etwas nicht stimmte. Der Grav-O-Mat des Schiffs war schließlich beim letzten Zwischenstopp auf Jaglan VII gewartet und für gut befunden worden. Vielmehr war das Heck der „Cowboy“ vor wenigen Millisekunden von etwas gerammt worden. Etwas Großem. Größer, vermutlich, als der Nap-O-Mat im hinteren Bereich der Brücke, der es seinem Benutzer erlaubte, auch während des Fluges den Autopilot einzuschalten, sich in eine der marineblauen, mannshohen Kabinen zu begeben und ein kurzes Nickerchen zu halten, ohne die Kommandozentrale verlassen zu müssen. Schlaf mit offenen Augen. Nach wenigen Augenblicken konnte man taufrisch und tiefenentspannt (laut Herstellerangaben, aber Sirianer übertreiben immer) ans Steuerpult zurückkehren. Power-Napping aus der Dose. Funktionierte für bis zu vier Tage ganz prima, danach kamen die Halluzinationen. Die kleinen, gelb blinkenden Pinguine. Und das Pfeifen im Ohr.

Was auch immer die „Space-Cowboy“ gerade getroffen hatte, war größer als ein handelsüblicher Nap-O-Mat. Da es aber ein solcher war, womit der Captain mit hoher Geschwindigkeit zu kollidieren im Begriff war, beanspruchte er derzeit seine volle Aufmerksamkeit. Um alles, was draußen war, konnte er sich kümmern, nachdem er verhindert hatte, einzuschlafen. Bloß nicht den roten Knopf an der Einstiegsluke drücken!

Was Captain Black nicht wusste, war, dass die in seiner Desoxyribonukleinsäure enthaltenen Erbinformationen einige in diesem Moment existentiell wichtige EIgenschaften mit denen des in den neunziger Jahren durch einen unglücklichen Zufall verstorbenen Filmstars und Martial-Art-Kämpfers Brandon Lee teilten. Was er wusste, war, dass er schon als Kind beim Blechdosenwerfen auf der Dorfkirmes in Jasper, Ohio, ausgesprochenes Talent gezeigt hatte. Seine Körperkoordination war ganz instinktiv so schnell und präzise, dass er mühelos geworfenen Schneebällen, Bratpfannen und Gummigeschossen aus Einsatzhundertschaftswaffen ausweichen konnte, Fähigkeiten, die alle bei früheren und teilweise sehr seltsamen Gelegenheiten, die nichts mit seiner aktuellen Situation gemeinsam hatten, in seinem Leben von Nutzen gewesen waren. Jedenfalls schaffte er es, den Sturz gegen das Therm-O-Glas der Schlafkabine abzufangen und sich dabei keine blauen Flecken zuzuziehen. Wahrhaftig, ihm gelang sogar eine Art um neunzig Grad gedrehte Telemark-Landung an der Rückwand der Kommandozentrale, was ihm stehenden Applaus vom Rest der Crew eingebracht hätte, wenn diese da gewesen wäre. Die waren aber derzeit fast ausnahmslos damit beschäftigt, durch ihre eigenen Schlafkabinen geworfen zu werden und sich tatsächlich eine Unmenge an blauen Flecken einzuholen.

„…ck!“

Das Schiff schlingerte und bockte, nachdem die Erschütterung abgeklungen war. Einige Monitore am Kontrollpult flackerten, rebooteten oder waren ganz ausgefallen. Eine Alarmleuchte ließ die Schiffsbesatzung wissen, dass die „Cowboy“ gerade eine Kollision erlitten hatte, und kam sich dabei etwas überflüssig vor. Das Schwerkraftfeld funktionierte weiterhin, was dazu führte, dass Captain Black aus seiner horizontalen Telemark-Haltung heraus nun doch unsanft auf den Kabinenboden fiel, wobei er ein klein wenig lächerlich aussah. Er richtete sich auf und lief hektisch über den vibrierenden Stahlboden zur Rückseite des Schiffs, um zu sehen, was damit kollidiert war und wie viel es zerstört hatte. Als er das Heck erreicht hatte und aus dem Fenster sah, erblickte er zunächst nur Sternennebel, der sich langsam auflöste.

Nach und nach wurden metallische Konturen sichtbar. Glas glänzte, und seltsame Filigrane wurden sichtbar. Filigrane, die sich als marymakianische Buchstaben herausstellten. Buchstaben, die, wenn sein Gedächtnis ihn nicht im Stich ließ, „Marymak Space Police“ bedeuteten. Marymakianer! Kein Wunder, er flog seit vier Tagen durch ihren hirnerweichend öden Weltraumdistrikt.

Im Cockpit konnte Black jetzt schemenhaft die Gestalt des Piloten erkennen, der mit unverhohlener Missbilligung den Kopf schüttelte und sich offensichtlich etwas notierte, bevor er einen Knopf an seinem Steuerpult betätigte. Kurz darauf öffnete sich eine Luke unterhalb des Cockpits. Der Greifarm, der aus der Luke herauswuchs, klatschte ihm etwas an sein Heckfenster, direkt vor seinem Gesicht. Einen Strafzettel! Einen Strafzettel, auf dem handschriftlich etwas notiert war.

„Parken ist hier verboten, du Vollidiot!“

Während der Captain die hingekritzelte Zeile entzifferte, heulten die Patrol-O-Smart-Motoren des Polizeicruisers auf, wobei es ihnen gelang, ausgesprochen verächtlich zu klingen. Das Streifenraumschiff überholte die „Space Cowboy“ und verschwand in der Dunkelheit des Alls. Captain Black steckte den Strafzettel ein und schlurfte den Gang hinab, um den ersten Offizier zu wecken, damit der das Steuer übernahm. „Vier Tage“, dachte er, sind zu lang, um nur mit diesem verdammten Konservenschlaf durchzuhalten.“ dachte er noch.


Freitagsfüller #201

Ich verstehe nicht, wie viele Personen, selbst solche, die ansonsten eigentlich total intelligent sind, tatsächlich an einen Gott glauben. Egal, wie sie ihn nennen, Allah, Gott, JHWH, im Grunde bleibt es das Gleiche: eine Ansammlung von Phrasen, die in einem Buch stehen, das irgendjemand mal heilig genannt hat, und die einem vorschreiben sollen, wie man sein Leben zu leben hat, gepaart mit präzisen Anweisungen, wie mit denen zu verfahren ist, die ihrem unsichtbaren Freund einen anderen Namen geben. Wenn man Gläubige zu hinterfragen versucht, erntet man haufenweise entrüstete Blicke a la „So was fragt man nicht“. Warum nicht? Darum nicht! Und weiter kommt man nicht. Auf der anderen Seite werden im Namen eines Gottes (egal welchem) die unfaßbarsten Schandtaten begangen. Ich erspare mir jetzt die Mühe, diese aufzählen zu wollen. Das erledigen die Medien, wenn man ein bißchen hinguckt. Für irgendwas müssen sie ja gut sein. Und gerechtfertigt werden diese Greuel, wie Kreuzzüge, Kindesmißbrauch, Hexenverbrennungen, Selbstmordattentate, Beschneidungen an Mädchen, Zölibat, Steinigungen für das Verbrechen, zwei Zentimeter nackte Haut zu zeigen, (verdammt, ich wollte keine Aufzählung beginnen!) immer mit dem „Willen Gottes“. Also, wenn es einen Gott gibt, und er so was tatsächlich will, kann er mich mal hacken. Die Methoden und Rechtfertigungen sind alt, nur die Wege, die Aufmerksamkeit darauf zu lenken, sind neu im Zeitalter von Facebook und Fotohandys. Moderne Technik ist eben nicht nur ein Fluch …

Das Problem kalte Füße kennen ja diejenigen, die angeblich den Willen Gottes auf Erden vertreten, auch nicht. Laut deren massenhaft postulierter Aussage werden sie im Jenseits eh sündenfrei sein und im Paradies abhängen, weil vor knapp zweitausend Jahren ein Mensch an einen Balken genagelt wurde, der den Leuten erzählt hat, wie toll er es fände, wenn ausnahmsweise mal alle nett zueinander wären. Oder man darf nach seinem Ableben 72 Jungfrauen einreiten, je nachdem. Wobei ich mir die Frage stellen muss, warum man zu Lebzeiten keusch und sündenfrei sein soll, um dann im Jenseits ne Riesenorgie starten zu dürfen. Anstatt Glauben Glauben sein zu lassen und schon im Diesseits menschlich mit seinen Planetenmitbewohnern umzugehen, wird immer noch darum gestritten, wer den cooleren unsichtbaren Freund hat. Imagine a world without religion, so hat John Lennon mal sinngemäß gesungen. Finde ich o.k., mal ganz davon ab, dass die Beatles musikalisch eh was ganz Besonderes waren.

Die Debatte um Götter und den Sinn oder Unsinn von Glauben, egal in welcher Form geführt, wird bedauerlicherweise zu nichts führen. Wenn man mit Gläubigen vernünftig reden könnte, bräuchte man es gar nicht. Wer sich von dem Gedanken freimacht, die Bibel (o.a.i.V.) nicht für bare Münze zu nehmen und statt dessen mal die Augen aufmacht, muss fast schon zwangsläufig erkennen, wie unglaublich lächerlich die Argumente sind, mit denen egal welche Kirche ihre Standpunkte zu stützen versucht. Doch nur den Versuch zu unternehmen, kann ich von einem Gläubigen kaum erwarten. Dafür sind sie zu verbohrt. Jedem Zweifler, jedem Wankenden, jedem, der sich die Frage nach dem Sinn von Religion mal gestellt hat, möchte ich „Der Gotteswahn“ von R. Dawkins, dem ich an dieser Stelle allen Respekt zollen möchte, wärmstens empfehlen. Die Gedankengänge darin haben mich vom Zweifler zu einem überzeugten, „radikalen“ Atheisten gemacht. Und das ist eine unglaublich (Wortspiel bemerkt?) erfrischende Perspektive auf das Leben. Wer es etwas leichter und kürzer mag, besorgt sich „Lachs im Zweifel“ von und über Douglas Adams und liest darin das Interview mit den American Atheists.

Was das Wochenende angeht, heute Abend freue ich mich auf eine entspannende Massage, morgen habe ich geplant, meiner Basketballmannschaft die Daumen zu drücken und Sonntag möchte ich ausschlafen. Mal sehen, ob der Hund mich läßt.