Monatsarchiv: März 2013

Freitagsfüller #206 – Schreiben übers Schreiben

Es könnte, wenn man sich mal an die Denkweise gewöhnt hat, echt einfach sein, ein Buch zu schreiben. Ich lese selber viel. Ich höre gelegentlich Hörbücher. Inzwischen schreibe ich ja tatsächlich, wenn auch nur im kleinen Rahmen. Ich höre einem guten Freund und Kollegen zu, der inzwischen an seinem dritten Roman arbeitet. Und der hat mir einen alten Floh wieder ins Ohr gesetzt: seit Jahren will ich selbst mal was Großes schreiben, aber es ist nicht so einfach. Die ersten Ideen sind da. Ein Krimi soll es werden. Etwas Mystisches soll rein. Etwas Ungewöhnliches. Und, wenn es passt, ist auch ne satte Portion schwarzer Humor höchst willkommen. Nur, wie?

Ich will jetzt nicht jammern. Die ersten Strukturen stehen. Ich finde nur noch nicht den Dreh, alles passend zusammenzuführen. Ein gutes Gerüst zu bauen, an dem die Story dann hochklettern kann, fällt schwerer, als ich dachte. Aber was mache ich mir ins Hemd? Ich habe nicht den Anspruch, große Kunst zu erschaffen (wenn man den Anspruch hat, davon bin ich überzeugt, bleibt die Kreativität völlig auf der Strecke, und davon habe ich normalerweise überreichlich). Und ich habe keine Angst davor, was hinterher eventuelle Leser sagen könnten. Einigen wird es gefallen, anderen nicht. Ganz normal. Über Lob freue ich mich, Kritik nehme ich mir auch gerne an, und Nörgler esse ich gerne zum Frühstück.

Heute habe ich frei. Es ist ein bißchen Zeit, sich hinzusetzen und den Haufen an Ideen, der sich mittlerweile schon aufdrängt, mal in Form zu bringen. Wenn mir heute dann nicht die Wahnsinnsidee kommt, dann vielleicht morgen. Ich bin immerhin nicht darauf angewiesen, finanziell oder so, bis nächste Woche einen „Paten“, den „Herrn der Ringe“ oder „Das Schweigen der Lämmer“ neu zu erfinden. Und das ist auch gut so.

Was das Wochenende angeht, heute Abend freue ich mich auf den ersten Tarantino, den ich im Kino sehe (wurde verd***t noch mal Zeit), morgen habe ich Frühdienst und Sonntag möchte ich einfach nur noch mehr Sonne. Und vielleicht auf die oben angesprochene Idee kommen.

Rock on!

Cpt.Metal

 


Montagstext #4 – 3,6 Sekunden

Einundzwanzig. Zweiundzwanzig. Dreiundzwanzig. Vierundzw. Man braucht drei Komma sechs Sekunden, um so weit zu zählen. 3,6 Sekunden, die mal ein Basketballspiel entschieden haben. Aber ich greife vor.

Es läuft die Basketballsaison 2008 / 2009. Phoenix Hagen spielt derzeit in der Pro A, der zweiten Bundesliga im deutschen Profibasketball. Es läuft nicht schlecht, der Aufstieg rückt, wenige Spiele vor dem Saisonende, in greifbare Nähe. Aber wie das im Sport so ist: es ergeben sich gelegentlich seltsame Serien und Mythen. So spielt Phoenix seit vier Jahren in der Pro A, und es hat gegen eine Mannschaft aus dem Osten, aus den „neuen Bundesländern“, noch nie zu einem Sieg gereicht. Egal ob daheim oder auswärts, egal ob Weißenfels, Chemnitz oder Jena, es ist wie ein Fluch. Und heute steht ein Auswärtsspiel bei Science City Jena an. Ausgerechnet. Ort des Geschehens ist eine mobile Traglufthalle. Ein Zelt im Grunde, das ein paar Kilometer vor Jena liegt, und das an diesem Tag unter anderem von knapp hundert ausgeflippten Hagenern gefüllt ist. An diesem Tag, von dem noch heute geschwärmt wird…

Es stehen 81 Punkte für Jena gegen 83 von Hagen. Auf dem Feld in den blauen Auswärtstrikots mit den gelben Nummern stehen der belgische Dreipunkteschütze Thomas Dreesen, das deutsche Center-Urgestein Bernd Kruel, der stille Small Forward Zach Freeman, der lange Aaron Fleetwood und Aufbauspieler Chase Griffin. Jena ist in Ballbesitz, der Spieler mit der Rückennummer 14 setzt zum Dreipunktewurf an. Ein Treffer würde die Führung bedeuten! Thomas Dreesen schlägt ihm gegen den Wurfarm. Der Pfiff. Die Uhr wird gestoppt, bei 3,6 Sekunden. Die Spieler schauen, verschwitzt und angespannt, zum Schiedsrichtergespann. Der erste Schiedsrichter zeigt drei Freiwürfe an. Das Foul erfolgte in der Wurfbewegung, also gibt es für jeden Punkt, den der Werfer hätte erzielen können, einen Freiwurf. Jeder Treffer zählt dann einen Punkt. Trifft er nur einen, bleibt Hagen in Führung. Trifft er zwei, gleicht er aus. Trifft er alle, liegen die Blau-Gelben hinten. Drei Komma sechs Sekunden vor dem Ende!

Fünf Komma acht Meter ist die Freiwurflinie von der Mitte des Korbs entfernt. Der Spieler mit der schwarzen 14 auf dem weißen Trikot tritt an die Linie, und der Schiedsrichter übergibt den Ball. Eine junge Frau neben mir hält mit einer Kamera die Szene fest, ich sehe, wie ihre Hände beim Filmen beben. Der erste Wurf fliegt, tickt gegen die Ringbasis, tickt auf den Ring, fällt herunter. Nur noch zwei Treffer möglich! Der Schweiß läuft, trotz eisigem Februarwetter, innen an den Zeltwänden herab. Der zweite fliegt und – trifft! 82:83. Der Ball wird zum dritten Mal übergeben. Bernd Kruel und Zach Freeman stehen innen an der Freiwurfzone, angespannt, fixieren den Korb, lauern auf einen Fehlwurf, auf den richtigen Moment, zum Rebound hochzuspringen. Es ist totenstill in der Halle. Die 14 wirft den Ball vor sich, dribbelt, einmal, zweimal, dreimal. Er holt aus, wirft, eine Frau aus dem Hagener Fanblock schreit „nein, nein, nein“, doch er trifft erneut! 83:83. Bleibt es dabei, kommt es zur Verlängerung. Die Hagener #15, Bernd Kruel, nimmt den Ball auf, tritt hinter die Grundlinie, sieht sich um. In dem Moment, in dem ein Spieler auf dem Feld den Ball wieder berührt, beginnt die Uhr wieder zu laufen…

Chase Griffin rennt los, in einem Bogen auf Kruel zu, kriegt den Pass, er fängt, er rennt! Der Zehner von Jena läuft neben ihm, versucht ihm den Ball abzujagen, doch Griffin ist schneller. Er springt ab, kurz vor der gegnerischen Dreierlinie, reißt die Arme hoch. Die Linke lässt den Ball los, mit der Rechten wirft er, in letzter Sekunde verlässt der Ball die Hand. Fliegt. Die Schlusssirene dröhnt durch das Zelt. Unterbricht die atemlose Stille, in der der Ball in hohem Bogen auf den Jenaer Korb zufliegt. Er trifft! Er zählt! Das ist der Sieg! Die Spieler rennen Richtung Fanblock, kommen zu uns. Ich klatsche Chase ab, er fällt mir gleichsam in die Arme und klaut mir den letzten Schluck Bier, und ich kriege nichts weiter raus als ein heiseres „Good job, dude!“ Was für ein Abend, was für ein Spiel!

Und am Saisonende, ein paar Wochen später, sind wir tatsächlich aufgestiegen …