Montagstext #3 – Cheater´s Stew

Es regnete in Strömen. Es stürmte. An der schmutzigen Fensterscheibe lieferten sich dicke, kalte Tropfen hastige Wettläufe. Das Licht im Pub war von düsterem Gelb. An einer Seitenwand, gegenüber der kleinen Bühne, stand ein mächtiger Kamin. Die düster glimmenden Buchenscheite darin heizten den fast fünfzig Gästen, Berg- und Landarbeiter, Gammler und Gambler, Handwerker und Landstreicher, kräftig ein. Die Luft war stickig, und es roch nach Schweiß, Rauch und billigem Whisky. Auf der Bühne saßen zwei Musiker und spielten ein Stück über irgendeine dreckige, alte Stadt. Vor der Glut saßen fünf Männer bei einem Pokerspiel und verzockten mit sehr unterschiedlichem Erfolg Haus und Hof. Neben dem Kamin, von seinem Schatten fast verborgen, saßen zwei Männer, nennen wir sie Ian und Craig, an einem nicht sehr wackligen Eichentisch. Unbehelligt von allen anderen riss einer ein Streichholz an und gab sich und dem anderen Feuer, während sie warteten.

„Dauert das in diesem Schuppen immer so lange?“

„Was denn?“ nuschelte der andere an seinem Zigarillo vorbei, zu den Kartenspielern blinzelnd.

„Das Essen. Mann, ich hab seit Samstag nichts auf der Gabel gehabt.“

„Keine Ahnung. Alles, was ich hier bisher hatte, war flüssig.“ Er lachte schallend. „Lass bloß die Finger von dem Zeug, das die hier Whisky nennen! Nachdem ich´s probiert hatte, mussten sie mich mit ner Schubkarre hier rausbringen. Hinterher war ich natürlich pleite. Und fast zwei Tage lang blind.“

„Ich scheiß auf das Gesöff. Ich hab Hunger. Gibt’s hier sowas wie ne Kellnerin, oder muss ich den verschissenen Koch um ne verdammte Audienz bitten? Verdammt, ich riech doch was Gebratenes hier. Was soll das, wo gibt’s das?“

Der andere behielt die Zocker im Auge, sah aber zu seinem Kumpel, als dieser zusehends argerlich wurde. Zwei Meter, ein Kreuz wie Herr Jesus persönlich, und Hände, mit denen er vermutlich Pferde sechs Meter weit werfen konnte. Keine gute Idee, dachte er, dem hier was abzuschlagen. Das Knurren aus seinem Bauch klang dunkel und unheilverkündend. Wenn ein Hund, der vor mir steht, so knurrt, ich würd mich einscheißen und das Weite suchen.

Inzwischen hatte ihn das Gerede über Essen selbst hungrig gemacht. Er holte die nächste Runde Bier und bestellte das Tagesgericht für beide. Nicht, dass er die Wahl gehabt hätte, etwas anderes zu bestellen. Es gab Irish Stew, und das an jedem verdammten Tag in jeder verdammten Woche, das ganze verdammte Jahr über. Die Aufschrift „Tagesgericht: Irish Stew!“ an der schwarzen Tafel neben dem Tresen war tausendmal bis zur Unkenntlichkeit verwischt und tausendmal neu geschrieben worden. Keinen hätte es überrascht zu erfahren, dass das Stew seit zwanzig Jahren täglich neu aufgewärmt würde.

Er hielt die Spieler wieder im Blick, als er die neu gefüllten Pints vor sich und seinen massigen Kumpel stellte. Dessen Gesicht verkündete acht Jahre schwere Unwetter, und er leerte sein Glas mit dem ersten Schluck bis zur Hälfte. Nebenan schien ein Spieler, ein kleiner Dockarbeiter, seiner Kleidung nach zu urteilen, eine echte Glückssträhne zu haben. Jedenfalls war es seine ziegenhaft meckernde Stimme, die nun zum vierten oder fünften Mal nacheinander den Herrn für ein glückliches Händchen pries. Der Ärger seiner unglücklichen Mitspieler wurde allmählich ebenso fühlbar, wie der des vierschrötigen Hungernden.

Zwei neue Pints, ein weiterer Riesenschluck und eine dreiminütige, gälische Schimpftirade später öffnete sich die Schwingtür zur Küche, und der Koch trat mit strahlendem, verschwitzten Gesicht an ihren Tisch. Er stellte zwei mächtige Teller vor sie hin und wünschte gesegneten Appetit.

Der Riese betrachtete staunend seine Portion. Seine Gesichtszüge glätteten sich, wahrhaftig, er lächelte! Ein Berg großer, sanft angebratener Kartoffelwürfel, auf denen geschmorte Zwiebeln glänzten. Ein deftiger Geruch nach Fleischbrühe und frischer Petersilie stieg auf und ließ ihn wollüstig sabbern. Karotten und dunkle, fette Stücke Fleisch, überall zwischen den Kartoffeln. Das Aroma von scharfen Gewürzen lockte kleine, glückliche Tränen in seine Augenwinkel.

Zum sechsten Mal in Folge feierte der Ziegenmann von nebenan einen Sieg, doch sein blökendes Lachen wurde diesmal von den wüsten Flüchen seiner Mitspieler übertönt. „Betrüger!“ brüllte einer, und ein satter Punch mit der Rechten ließ die Ziege vom Stuhl aus hoch und nach hinten fliegen, wo er unter großem Gejohle und Geschrei einen Eichentisch und zwei gigantische Portionen Irish Stew mit sich zu Boden riss.

Er starrte vom Boden aus entsetzt nach oben. Selbst sein Bart hätte von einer Ziege stammen können. Der Hüne starrte zurück, das Besteck im Anschlag.

„Du“, grollte er wie der Donner persönlich, „hast mein Essen umgeworfen!“

„Du“, schrien die anderen Kartenspieler, „hast uns beim Pokern beschissen!“

„Und“, mischte sich der Wirt ein „du schuldest mir noch sechs Pfund!“

Der Ziegenmann kroch auf allen vieren nach hinten, zur Wand. Zwiebeln rutschten von seiner Hose, und Asse aus seinem Ärmel.

„Ich“, kreischte und stammelte er, „werde alles bezahlen! Bitte, tut mir nichts!“

„Du“ drohten die Spieler, „hast keinen Penny, der dir gehört.“

Es wurde dunkel über dem Ziegenmann. Er war umzingelt. Der Hüne hob ihn mit einer Hand zur Decke und versetzte ihm einen Faustschlag, der ihn durch die Schwingtür fliegen ließ.

„Und bring zwei neue Teller mit, wenn du zurückkommst!“ brüllte ihm der Riese hinterher. „Ich bin verdammt nochmal hungrig!“

„Sind schon in Arbeit“ ließ sich die dünne Stimme des Kochs vernehmen. „Dauert aber was…“

Minuten später lag der Ziegenmann angekettet an der Küchenwand. Sein Mund war geknebelt. Zu seinem Glück hatte der Schlag ihn in eine tiefe Ohnmacht versetzt. Das Fehlen seines linken Unterschenkels würde ihm erst später auffallen. „So ergeht es Betrügern, ganz recht“ sang der Koch vor sich hin. Dann schob er mit einem Messer fein angebratene Stücke Fleisch vom Hackbrett in den Topf, und durch die Küche wehte der Geruch des feinsten Stews, das in diesem Teil Irlands je gekocht worden war.

Advertisements

One response to “Montagstext #3 – Cheater´s Stew

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: