Monatsarchiv: Februar 2013

Hier ist die Aufgabe für den vierten Montagstext:

Thema: Sport. Wörter: in letzter Sekunde / Aufstieg / schneller / Kamera.

Rock on!

Cpt.Metal

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Jetzt stehen hier schon drei „Montagstexte“ – was, genau, sollen die eigentlich?
>>Seit einigen Monaten stehen Galadrin (www.galadrin.wordpress.com), was das Schreiben betrifft, in regem Kontakt, helfen uns gegenseitig aus und lesen entsprechend Korrektur. Über das Bloggen kamen wir auf die Freitagsfüller von http://www.scrap-impulse.typepad.com, was uns auf die Idee brachte, für den Wochenanfang ein Konterprojekt zu starten. Einfach nur, um mehr Übung zu kriegen… und vielleicht über Zeit Leute zu finden, die auch daran Spaß haben.
So sind die Regeln:
>>Einer gibt ein Thema oder ein Genre vor und nennt vier Wörter. Jeder schreibt einen Text dazu, in dem die Wörter in beliebiger Reihung vorkommen müssen. Der Text soll, was seinen Unfang betrifft, eine Seite nicht unter- und zwei nicht überschreiten. Dann veröffentlicht jeder seinen Text im eigenen Blog und verlinkt ihn auf dem des anderen.
Meinungen und Kritik, an Thema wie an „handwerklichem“, sind ausdrücklich erwünscht!


Montagstext #3 – Cheater´s Stew

Es regnete in Strömen. Es stürmte. An der schmutzigen Fensterscheibe lieferten sich dicke, kalte Tropfen hastige Wettläufe. Das Licht im Pub war von düsterem Gelb. An einer Seitenwand, gegenüber der kleinen Bühne, stand ein mächtiger Kamin. Die düster glimmenden Buchenscheite darin heizten den fast fünfzig Gästen, Berg- und Landarbeiter, Gammler und Gambler, Handwerker und Landstreicher, kräftig ein. Die Luft war stickig, und es roch nach Schweiß, Rauch und billigem Whisky. Auf der Bühne saßen zwei Musiker und spielten ein Stück über irgendeine dreckige, alte Stadt. Vor der Glut saßen fünf Männer bei einem Pokerspiel und verzockten mit sehr unterschiedlichem Erfolg Haus und Hof. Neben dem Kamin, von seinem Schatten fast verborgen, saßen zwei Männer, nennen wir sie Ian und Craig, an einem nicht sehr wackligen Eichentisch. Unbehelligt von allen anderen riss einer ein Streichholz an und gab sich und dem anderen Feuer, während sie warteten.

„Dauert das in diesem Schuppen immer so lange?“

„Was denn?“ nuschelte der andere an seinem Zigarillo vorbei, zu den Kartenspielern blinzelnd.

„Das Essen. Mann, ich hab seit Samstag nichts auf der Gabel gehabt.“

„Keine Ahnung. Alles, was ich hier bisher hatte, war flüssig.“ Er lachte schallend. „Lass bloß die Finger von dem Zeug, das die hier Whisky nennen! Nachdem ich´s probiert hatte, mussten sie mich mit ner Schubkarre hier rausbringen. Hinterher war ich natürlich pleite. Und fast zwei Tage lang blind.“

„Ich scheiß auf das Gesöff. Ich hab Hunger. Gibt’s hier sowas wie ne Kellnerin, oder muss ich den verschissenen Koch um ne verdammte Audienz bitten? Verdammt, ich riech doch was Gebratenes hier. Was soll das, wo gibt’s das?“

Der andere behielt die Zocker im Auge, sah aber zu seinem Kumpel, als dieser zusehends argerlich wurde. Zwei Meter, ein Kreuz wie Herr Jesus persönlich, und Hände, mit denen er vermutlich Pferde sechs Meter weit werfen konnte. Keine gute Idee, dachte er, dem hier was abzuschlagen. Das Knurren aus seinem Bauch klang dunkel und unheilverkündend. Wenn ein Hund, der vor mir steht, so knurrt, ich würd mich einscheißen und das Weite suchen.

Inzwischen hatte ihn das Gerede über Essen selbst hungrig gemacht. Er holte die nächste Runde Bier und bestellte das Tagesgericht für beide. Nicht, dass er die Wahl gehabt hätte, etwas anderes zu bestellen. Es gab Irish Stew, und das an jedem verdammten Tag in jeder verdammten Woche, das ganze verdammte Jahr über. Die Aufschrift „Tagesgericht: Irish Stew!“ an der schwarzen Tafel neben dem Tresen war tausendmal bis zur Unkenntlichkeit verwischt und tausendmal neu geschrieben worden. Keinen hätte es überrascht zu erfahren, dass das Stew seit zwanzig Jahren täglich neu aufgewärmt würde.

Er hielt die Spieler wieder im Blick, als er die neu gefüllten Pints vor sich und seinen massigen Kumpel stellte. Dessen Gesicht verkündete acht Jahre schwere Unwetter, und er leerte sein Glas mit dem ersten Schluck bis zur Hälfte. Nebenan schien ein Spieler, ein kleiner Dockarbeiter, seiner Kleidung nach zu urteilen, eine echte Glückssträhne zu haben. Jedenfalls war es seine ziegenhaft meckernde Stimme, die nun zum vierten oder fünften Mal nacheinander den Herrn für ein glückliches Händchen pries. Der Ärger seiner unglücklichen Mitspieler wurde allmählich ebenso fühlbar, wie der des vierschrötigen Hungernden.

Zwei neue Pints, ein weiterer Riesenschluck und eine dreiminütige, gälische Schimpftirade später öffnete sich die Schwingtür zur Küche, und der Koch trat mit strahlendem, verschwitzten Gesicht an ihren Tisch. Er stellte zwei mächtige Teller vor sie hin und wünschte gesegneten Appetit.

Der Riese betrachtete staunend seine Portion. Seine Gesichtszüge glätteten sich, wahrhaftig, er lächelte! Ein Berg großer, sanft angebratener Kartoffelwürfel, auf denen geschmorte Zwiebeln glänzten. Ein deftiger Geruch nach Fleischbrühe und frischer Petersilie stieg auf und ließ ihn wollüstig sabbern. Karotten und dunkle, fette Stücke Fleisch, überall zwischen den Kartoffeln. Das Aroma von scharfen Gewürzen lockte kleine, glückliche Tränen in seine Augenwinkel.

Zum sechsten Mal in Folge feierte der Ziegenmann von nebenan einen Sieg, doch sein blökendes Lachen wurde diesmal von den wüsten Flüchen seiner Mitspieler übertönt. „Betrüger!“ brüllte einer, und ein satter Punch mit der Rechten ließ die Ziege vom Stuhl aus hoch und nach hinten fliegen, wo er unter großem Gejohle und Geschrei einen Eichentisch und zwei gigantische Portionen Irish Stew mit sich zu Boden riss.

Er starrte vom Boden aus entsetzt nach oben. Selbst sein Bart hätte von einer Ziege stammen können. Der Hüne starrte zurück, das Besteck im Anschlag.

„Du“, grollte er wie der Donner persönlich, „hast mein Essen umgeworfen!“

„Du“, schrien die anderen Kartenspieler, „hast uns beim Pokern beschissen!“

„Und“, mischte sich der Wirt ein „du schuldest mir noch sechs Pfund!“

Der Ziegenmann kroch auf allen vieren nach hinten, zur Wand. Zwiebeln rutschten von seiner Hose, und Asse aus seinem Ärmel.

„Ich“, kreischte und stammelte er, „werde alles bezahlen! Bitte, tut mir nichts!“

„Du“ drohten die Spieler, „hast keinen Penny, der dir gehört.“

Es wurde dunkel über dem Ziegenmann. Er war umzingelt. Der Hüne hob ihn mit einer Hand zur Decke und versetzte ihm einen Faustschlag, der ihn durch die Schwingtür fliegen ließ.

„Und bring zwei neue Teller mit, wenn du zurückkommst!“ brüllte ihm der Riese hinterher. „Ich bin verdammt nochmal hungrig!“

„Sind schon in Arbeit“ ließ sich die dünne Stimme des Kochs vernehmen. „Dauert aber was…“

Minuten später lag der Ziegenmann angekettet an der Küchenwand. Sein Mund war geknebelt. Zu seinem Glück hatte der Schlag ihn in eine tiefe Ohnmacht versetzt. Das Fehlen seines linken Unterschenkels würde ihm erst später auffallen. „So ergeht es Betrügern, ganz recht“ sang der Koch vor sich hin. Dann schob er mit einem Messer fein angebratene Stücke Fleisch vom Hackbrett in den Topf, und durch die Küche wehte der Geruch des feinsten Stews, das in diesem Teil Irlands je gekocht worden war.


Freitagsfüller #203

Der folgende Freitagsfüller ist reine Spinnerei! Ich mache mir keine Illusionen, dass die beschriebene Handlung so nicht machbar ist und empfehle niemandem, mir das Gegenteil beweisen zu wollen! Ähnlichkeiten mit bekannten Personen und Gebäuden sind ausdrücklich beabsichtigt, Abweichungen davon auch, wobei diese nur den Zweck erfüllen, eine Kurzgeschichte, die den Umfang einer A4-Seite nicht überschreiten soll, ans Laufen zu bringen. Denen, die mit dieser Art Humor etwas anfangen können, viel Spaß, und denen, die nicht: Bitte seid mir nicht böse.

>>Es schneit. Hier! Das muss das erste Mal seit Jahrzehnten sein, dass es hier, auf rund 42° nördlicher Breite, schneit. Das hat den Vorteil, dass heute kaum etwas los ist. Es sind keine Touristen hier, und selbst die Wachen staunen eher über die Wetterlage und kriegen Heimweh deswegen, als dass sie ernsthaft aufmerksam sind. Nachteil ist, dass jeder meiner Schritte zu sehen ist. Drecksschnee! Angespannt hocke ich in einem Mauerwinkel, halb von einem fast kahlen Gestrüpp verborgen, und überdenke meine Situation. Vielleicht sollte ich wann anders wiederkommen. Meinen Plan bei trockener Witterung durchzuziehen, wäre bestimmt die bessere Alternative. Aber weiß ich denn, ob es jemals wieder so leicht sein wird, auf ausgerechnet dieses Gelände zu kommen? Nein, eindeutig nicht. Heute, oder nie!

Ein Grund, warum ich das hier tue, ist Neugier. Ich habe nicht die Absicht, als Attentäter in die Geschichte einzugehen – mein Ziel macht es eh nicht mehr lange, ist alt und schwach, wie er selbst sagt. Wäre ich ein Attentäter, und würde ich das Ding hier bis zu einem bösen Ende durchziehen, ich würde mich nur lächerlich machen, und hinterher als Erzfeind von Milliarden dastehen. Darauf kann ich verzichten. Nein, ich will einfach wissen, ob es machbar ist. Einen bizarren, nie dagewesenen Witz durchziehen, und vielleicht hinterher YouTube – Millionär werden. Ich checke meine Ausrüstung. Stirnleuchte und -kamera, der Gebäudeplan, zuletzt die beiden knapp faustgroßen, ovalen Objekte in der Gürteltasche. Alles am Platz und bereit. Los geht’s!

Ich passe die nächste Runde der Wachen ab, husche zwischen Säulen und fein manikürten Sträuchern hin und her und stehe Sekunden später an einer Seitentür. Am schwierigsten ist, mir das Lachen zu verkneifen. So leicht! Wachen, denke ich, sind immer dann aufmerksam, nachdem etwas passiert ist, nicht vorher, nicht bei diesem Schweinewetter! Und diese hier bilden da keine Ausnahme.

Ich warte fiebrig, hinter einer Säule, den nächsten Moment ab, in dem sie außer Sicht sind. Rücke mit schweißnassen Händen meine Ausrüstung zurecht. Dann fingere ich eines der eiförmigen Dinger aus der Tasche, fast rutscht es mir aus den Händen, ich halte es fest, ziehe den Splint und schleudere die Rauchgranate mit aller Kraft in Richtung eines Nebengebäudes, zur Ablenkung. Blitzschnell bin ich im toten Winkel hinter der Tür verschwunden, als das Ding hochgeht. Gerade rechtzeitig! Sekunden nach dem Knall fliegt die Tür auf, und zwei Uniformierte rennen Richtung Rauch, als sei der Teufel hinter ihnen her! Bevor die Tür zufällt, bin ich drin. Messingpfosten mit roten Kordeln, marmorne Böden, unfassbarer Reichtum und Gepränge überall um mich herum. Predigt der Hausherr nicht Bescheidenheit? Ich habe Glück, dass eine Tür in meiner Nähe offensteht. Eine Besenkammer, wie sich herausstellt. Gerade teure Böden wollen ja gepflegt sein! Ich ziehe den Touristenführer aus der Tasche, orientiere mich kurz, luge aus der Tür und sprinte den Gang entlang. Kein Mensch weit und breit! Die stehen draußen und starren wie die Weltraumaffen in den Qualm, kratzen sich höchstens am Kopf, wo denn der nächste Feuerlöscher steht.

Unter dem atemberaubendsten Deckengemälde der Welt erlaube ich mir eine kurze Pause, um dem Auge meiner Stirnkamera auch was Schönes zu gönnen. Dann geht’s weiter, schnell! Ein Seitengang jenseits der roten Kordeln, extra mit vielsprachigen Schildern versehen, die besagen, dass Touristen hier verdammt nochmal nichts verloren haben. Ich höre rennende Schritte und helle Aufregung in weiter entfernten Teilen des Komplexes, bleibe hier aber unbehelligt. Renne auf leisen Sohlen weiter. Schaue schnell in jeden Raum. Büroräume. Der Verwaltungsapparat eines der größten Wirtschaftsunternehmen der Welt, wenn man so will. Eine Küche. Ah, endlich! Vor einer Tür bleibe ich stehen. Hole Luft, bin nervös bis in die Haarspitzen! Lese das dezente Schild an der Tür, lasse die Kamera mitlesen.

„Der heilige Stuhl“. Und hinter der Tür vernehme ich leise, aber eindeutige Geräusche. Mein Informant hatte recht. Um elf ist hier immer besetzt. Ich greife in meine Tasche, hole das andere Ding heraus, atme durch, und öffne die Tür mit einem Ruck.

Der Papst sitzt drei Meter vor mir, höchst privat beschäftigt, mit hochgeschobenem Gewand, angestrengtem rotem Gesicht, und schaut mich mit großen Augen an. Kriegt vor Überraschung und Entsetzen keinen Ton raus. Nicht mal, als ich meine rechte Faust erhebe, den Blick immer auf ihn gerichtet, und ihm schwungvoll aus kurzer Distanz das rohe Ei ins Gesicht werfe. Volltreffer! Und alles auf Band!

Ich mache auf dem Absatz kehrt und renne zurück, was das Zeug hält. „Und Händewaschen nicht vergessen!“ rufe ich noch. Wird er verstehen. Ist ja Deutscher. Ich schaffe es auf gleichem Wege wieder raus. Dass jemand diese Geschichte, so kurz vor seinem Amtsabtritt, an die große Glocke hängen wird, bevor ich das tue, kann ich mir nicht vorstellen.<<

Was das Wochenende angeht, heute Abend freue ich mich auf einen Besuch bei meinem besten Freund, morgen habe ich einen Spielabend geplant und Sonntag möchte ich sehen, ob meine Mannschaft mal wieder eine Überraschung bei einem Favoriten schafft!


Montagstext #2

Der heiße Fahrtwind zerrte an Tobys Haaren und an seiner abgetragenen Jeansjacke, als der Fahrer Gas gab und das nuttenlippenrote Chevrolet Cabrio schlingernd auf den glühenden Asphalt der Landstraße durch das Death Valley brachte. Die beiden vorderen Sitze waren besetzt, also hatte er auf der weißledernen Rückbank Platz genommen. Er stieß kurz und heftig mit den kurzen Rippen gegen die Tür, als das Heck des Wagens ausbrach, und er dachte noch, „wie zum Teufel fährt dieser Spinner?“, bevor der Mann am Lenker, ein fetter Südstaatler, dem die schwarzen Haare fettig ins Gesicht fielen, die Kiste wieder unter Kontrolle bekam. Er schien sich selbst nicht recht im Griff zu haben, hielt das Lenkrad so fest umklammert, dass die Fingerknöchel weiß hervortraten, und bekam trotzdem keine gerade Fahrlinie hin. Der Beifahrer, ein dürrer Typ, dessen Gesicht hinter einer riesigen Sonnenbrille fast vollständig verschwand, holte eine rotsilberne Bierdose aus einer Tasche, sah dabei immer wieder in den Rückspiegel. Wurden die beiden verfolgt? Hatten sie ihn, den Anhalter, deswegen mitgenommen? Damit die Bullen, die vielleicht gerade nach einer mit zwei Typen besetzten Karre Ausschau hielten, eine mit drei Insassen durchwinken würden? Was hatten die beiden angestellt? Er konnte die beiden schlecht fragen. „Seid ihr auf der Flucht oder was?“ Nein. Außerdem war der Lärm im Auto so überwältigend, Fahrtwind, Motorenlärm und voll aufgedrehte Musik aus dem Kassettendeck, die Rolling Stones in Maximaldezibel, dass er sein eigenes Wort kaum verstand.

Wieder blickte der Beifahrer in den Rückspiegel, und Toby sah jetzt ebenfalls nach hinten. So weit er überblicken konnte, war die Fahrbahn leer. Allerdings wirbelte der Wagen dermaßen viel Staub auf, dass man alles, was weiter als weiter als dreißig Meter weg war, nur erahnen konnte. Und die riesige Fahne aus Sand und Dreck, die über der Landschaft hing, ausgehend von einem roten Cabrio, das sich mit voller Lautstärke seinen Weg durch die Wüste bahnte, war alles andere als unauffällig. Vielleicht wollen die Typen doch nur schnell irgendwo hin, statt schnell von etwas weg. Er merkte, dass der Beifahrer ihm etwas zurief. Er rückte nach vorne und zeigte mit dem Finger auf seine Ohren. „Ich habe -“ schrie der Beifahrer erneut, „ganz das Bier vergessen, willste eins?“ Er hielt ihm eine Dose hin, aber Toby schüttelte den Kopf. Der Beifahrer sah kurz nach vorne, stemmte dann die Hände auf die Lehne seines Sitzes und sprang geschickt in voller Fahrt, 80 Meilen pro Stunde, auf die Rückbank. „Ich glaube, es ist Zeit, dass ich dir ein oder zwei Dinge…“ Plötzlich gab es einen scharfen Ruck zur Seite, einen Knall und ein Kreischen von Metall auf Stein, und alle Insassen wurden heftig nach vorne geschleudert.

Der Wagen war von der Straße abgekommen und gegen einen Felsen geprallt. Unter einem Rad knirschte etwas, ein zerbrochener Schädelknochen irgendeines Rindviehs, nass von auslaufendem Sprit, dessen Geruch in die Nase stach. Toby nahm dem Beifahrer nun doch die Bierdose aus der Hand und trank davon. Diese Fahrt war beendet, das war vollkommen klar. Völlig ausgeschlossen, dass sie mit dieser Kiste auch nur noch eine Meile weiterkamen. Vor lauter aufgewirbeltem Staub konnten sie kaum etwas sehen, kaum atmen. Der Fahrer schlug mit beiden Fäusten auf das Armaturenbrett ein und fluchte wie ein Kesselflicker mit Tourette-Syndrom. Toby merkte, dass etwas heiß seine Wange herablief, und als er sein Gesicht abtastete, spürte er eine blutende Platzwunde auf dem rechten Jochbein. Ansonsten schien er unverletzt zu sein, hatte aber Mühe, aus der zusammengestauchten Karre zu kommen, und fiel mehr in den Sand, als dass er ausstieg.

„Verdammte Scheiße, Doc!“ schrie der Beifahrer jetzt den Fahrer an. Er stand hinter dem Wagen und fuchtelte mit einer riesigen, silberfarbenen .357er Magnum herum. „Was zum Henker hattest du vor, du hirnverbranntes Sackgesicht? Wolltest du mal eben rechts ranfahren und ein Gänseblümchen pflücken? Wir sind hier mitten in der gottverdammten Wüste, du Arsch!“ Der Fahrer hatte es jetzt auch geschafft, auszusteigen. Er wirkte benommen, hatte aber blitzschnell ebenfalls eine Waffe in der Hand, eine schwarze, gefährlich glänzende Pistole. Willkommen in Nevada, dachte Toby. In diesem Nest voller Irrer sind alle bewaffnet. „Schrei mich nicht an, zum Teufel!“ grunzte jetzt der Fahrer, unter dessen offenem Hemd Toby das Schulterholster erst gar nicht bemerkt hatte. „Ich hab ein verfluchtes Insekt ins Auge gekriegt, ich hab´s eben verrissen. Scheiß drauf, wir können alle noch laufen. Viel wichtiger ist, was machen wir jetzt? Die Schweine kommen immer näher, und du schwenkst hier nur deine verschissene Knarre!“

Volltreffer, dachte Toby. Die beiden Idioten werden tatsächlich von irgendwem verfolgt, sind beide bewaffnet, und der Fette kriegt es hin, mitten auf gerader Strecke die Scheißkarre gegen den einzigen Felsen weit und breit zu hämmern. Das ist mein verkackter Glückstag!

In dem Moment, als Toby sich über die Reling des Cabrio beugte, um seine Tasche zu holen, richteten sich beide Läufe auf ihn. „Das ist nichts Persönliches“, murmelte der Schlanke, „aber wir haben dir geholfen, zwanzig Meilen oder so weiterzukommen, und jetzt musst du uns helfen.“ Vor Schreck nach Luft schnappend, stand ihm trotz der flirrenden Hitze kalter Schweiß auf der Stirn. Seine Knie zitterten. Ich bin hier weit und breit der Einzige ohne Schießeisen. „Wir sind“, fuhr der Schlanke fort, „auf dem Weg nach Las Vegas, und nicht, um zu spielen. Es ist von äußerster Wichtigkeit, dass wir vor denen da ankommen.“ Er wies mit dem Daumen nach hinten, wo eine zweite Staubfahne zu sehen war. „Was du zu tun hast, ist genau das Gleiche, wie vorhin. Du bist Anhalter, halte den Wagen an! Du zeigst auf das Cabrio, sag, du hattest einen Unfall, bitte um Hilfe, lass dir was einfallen. Um den Rest kümmern wir uns. Schaffst du es, bringen wir dich unversehrt nach Vegas. Schaffst du es nicht, bist du tot.“

Toby hatte kaum Zeit zu nicken, bevor der Dürre die Kofferraumklappe aufriss und die Klappe über sich schloss, gerade weit genug, dass ihm ein winziger Spalt zum Atmen blieb. Der Doc war hinter dem Felsen verschwunden, einem rotbraunen Monolithen aus Sandstein, neben dem einige mannshohe Kakteen wuchsen. Zitternd vor Furcht, kniete der bedauernswerte Anhalter sich in den Sand, nahe am flirrenden, schwarzen Asphalt, hielt nach den Verfolgern Ausschau und reckte den Daumen hoch. Wenn sie durchfahren, habe ich gleich die richtige Haltung für eine Hinrichtung. Die Staubfahne war inzwischen viel nähergekommen, und gelegentlich reflektierte Sonnenlicht auf Glas. Toby schätzte die Entfernung auf eine Viertelmeile. Wie lange würden sie brauchen? Eine Minute vielleicht, eher weniger, denn auch sie hatten ein ziemliches Tempo drauf, wie sie durch die Wüste fuhren. Sie wurden allerdings langsamer, als sie das havarierte Cabrio und den verzweifelten und blutenden Anhalter davor erblickten. Schließlich rollte der Wagen, ein schwarzer Ford Pickup mit heruntergelassenen Scheiben, mit Schrittgeschwindigkeit die letzten Meter auf die Unfallstelle zu. Auf dem Beifahrersitz saß ein Mann Ende fünfzig, mit Sonnenbrille, weißem Stetson und einem grauen Schnurrbart, der ihm bis auf die Wangen reichte. Der Mann grinste, als er den Schrotthaufen an dem Felsen sah, und wies seinen Fahrer an, den Pickup zu stoppen.

Den Pickup!

Toby formte mit den Lippen stumm den Satz „Hilf mir!“, was sowohl den beiden Männern in dem riesigen Ford, als irgendwie auch Gott galt, denn beim Anblick der riesigen Ladefläche war ihm eine verzweifelte Idee gekommen. In dem Moment, als der Beifahrer seine Tür öffnete und sich mit spöttischem Grinsen daran machte, auszusteigen, sprang er auf die Füße, rannte zum Wagen und schrie „Macht keinen Scheiß, fahrt, fahrt! Das ist eine verdammte Falle!“. Er sprang. Stieß heftig gegen die Ladekante. Zog sich, hievte sich mit verzweifelter Kraft darüber, fiel auf die Ladefläche, als die ersten Schüsse fielen. Toby sah den weißen, blutbefleckten Stetson im Sand landen. Den dürren Kerl, die Magnum im Anschlag, kniend im Kofferraum, wild auf den Pickup feuernd. Den Doc, im Sand, blutend. Den Fahrer des Pickup, seinen verwundeten Beifahrer im Arm, in der anderen Hand eine Waffe. Dann rührte für einen Augenblick lang niemand einen Muskel. Toby sah neben sich auf der Ladefläche einen speckigen, grünen Armeerucksack liegen, und tastete mit fahrigen Fingern hinein, um etwas Hilfreiches zu finden. Eine Flasche. Nutzlos. Einen Schuh. Noch immer keinerlei Regung der anderen. Noch einen Schuh. Ein Zippofeuerzeug.

Bingo! Ich habe nur einen Wurf, aber der könnte reichen!

Vorsichtig holte er das Zippo heraus und hielt es in beiden Händen, als er es öffnete und mit dem Rad lautlos eine Flamme herausschlug. Er wagte einen Blick über die Reling, vier Männer, zwei verletzt, jeder mit einer Waffe im Anschlag, auf einen anderen zielend, keiner unbeobachtet, außer Toby. Der Motor des Pickup lief noch immer. Unter dem Chevy glänzte der Sand dunkel und feucht, und es stank nach Benzin.

Jetzt oder nie, verdammt!

„Achtung!“ Erst als das Zippo durch die Luft flog, merkte Toby, dass er geschrien hatte. In dem Moment, als ein Schuss vor seinem Gesicht in das Blech der Reling einschlug, stürzte sich die Flamme gierig in den nassen Sand. Der Pickup wurde ein gutes Stück nach links geworfen, als das Benzin explodierte. Danach hörte er nur noch verzweifelte Schüsse und Schreie.

Als Toby das nächste Mal über die Reling sah, waren sie schon eine halbe Meile entfernt von den Flammen. Der Fahrer drosselte für einen Moment die Geschwindigkeit, reichte eine brennende Kippe durch das Fondfenster nach hinten und nickte ihm dankbar zu. Und während Las Vegas am Horizont erschien, verschwand der Feuerball am anderen Ende allmählich im Dunst der Wüste.


Freitagsfüller #202

Am Rosenmontag gibt es eigentlich nur Hell oder Dunkel für mich: Entweder, Karneval wird richtig gefeiert, in Maske und Kostüm, mit Kamelle, Schunkelei und Bützje, kurz: im Rheinland. Oder ich will von dem ganzen Kram nichts mitkriegen. Echt nicht. Ich denke, um dieses Fest angemessen zu feiern, braucht es die richtige Mentalität, wie sie den Menschen in Köln, in Düsseldorf, in Mainz im Blute liegt. Alles andere ist ein schwachsinniger Abklatsch, eine blöde Ausrede für Alkoholismus in der Öffentlichkeit, ein lahmes, primitives Gewichse. Ich freue mich an solchen Tagen über jeden, der Karneval mit einer ähnlichen Einstellung angeht wie ich. Leider gibt es in meiner Stadt so wenige davon. Früher dachte ich noch: Dafür, dass wir so weit (ca. 70 km) vom Rhein entfernt sind, ist zu Karneval eigentlich ganz gut was los hier. Heute sehe ich das anders. Ich möchte jedem, der einen Trinkhelm (ihr wißt schon, wo man Bierdosen anklipst, von denen aus dann Schläuche in die Visage führen, damit man beim Saufen die Hände frei hat) für eine angemessene Verkleidung hält, einfach nur in seine fröhliche Fresse hauen. Mach ich aber nicht. Weil ich ein friedliebender Mensch bin.

Einer meiner Träume ist trotz allem Frust, den ich wegen Karneval hierzulande erlebe, das Fest einmal richtig zu feiern. Mit ein paar Freunden, in guten, ausgefeilten, kreativen Kostümen, vielleicht unter einem gemeinsamen Motto, und dann ruhig und friedlich durch die Düsseldorfer (sorry Köln, aber euer  Zeug schmeckt mir nicht) Altstadt zu ziehen, sich nicht über das Maß zu betrinken, und keinem mehr als unbedingt nötig auf den Sack zu gehen. Kann bestimmt total gut werden, hab ich aber in der Form tatsächlich noch nicht erlebt. Und wenn man es nicht hinschafft, wäre Schnarchen die passende Alternative. Einfach rechtzeitig vorher einpennen, bis der ganze nachgemachte Irrsinn, der hier Karneval genannt wird, vorbei ist. Man hat sich in meiner Stadt vor ein paar Jahren sogar einen eigenen, hochnotpeinlichen Karnevalsausruf ausgedacht, um auch irgendwie jeck zu sein. Womit hab ich das verdient?

Woher kommt eigentlich der Ausdruck „Karneval“? Irgendwoher schwappt mir ein Zusammenhang mit Fleischfresserei („carne“) im Gedächtnis herum, ich weiß aber nicht, ob das stimmt oder auch nur einen tatsächlichen Bezug hat. Wenn nicht, könnte man einen herstellen. Eine Geschichte darüber schreiben, dass sich die Teilnehmer eines Karnevalsumzugs in menschenfressende Zombies verwandeln? Klingt nach nem Plan …

Zombiewalks werden in immer mehr Städten abgehalten, wie eine Art Kontrastprogramm zu Karneval. Ohne Sauferei, und ohne andere Leute anzupöbeln, dafür mit ausgefeilten Verkleidungen. „Be undead, be polite“. Find ich gut.

Was das Wochenende angeht, heute Abend freue ich mich auf den Besuch meiner Tochter , morgen habe ich ein gutes Frühstück geplant und Sonntag möchte ich wahrscheinlich Trinkhelmträger umschubsen!


Montagstext #1

„What the fuuuuu….!?“

Als Captain Arthur Black durch die künstliche Atmosphäre in der Kommandozentrale seines Raumschiffs „Space Cowboy“ flog, rückwärts und in vier Fuß Höhe, lag das keineswegs daran, dass mit dem gleichfalls künstlichen Gravitationsfeld etwas nicht stimmte. Der Grav-O-Mat des Schiffs war schließlich beim letzten Zwischenstopp auf Jaglan VII gewartet und für gut befunden worden. Vielmehr war das Heck der „Cowboy“ vor wenigen Millisekunden von etwas gerammt worden. Etwas Großem. Größer, vermutlich, als der Nap-O-Mat im hinteren Bereich der Brücke, der es seinem Benutzer erlaubte, auch während des Fluges den Autopilot einzuschalten, sich in eine der marineblauen, mannshohen Kabinen zu begeben und ein kurzes Nickerchen zu halten, ohne die Kommandozentrale verlassen zu müssen. Schlaf mit offenen Augen. Nach wenigen Augenblicken konnte man taufrisch und tiefenentspannt (laut Herstellerangaben, aber Sirianer übertreiben immer) ans Steuerpult zurückkehren. Power-Napping aus der Dose. Funktionierte für bis zu vier Tage ganz prima, danach kamen die Halluzinationen. Die kleinen, gelb blinkenden Pinguine. Und das Pfeifen im Ohr.

Was auch immer die „Space-Cowboy“ gerade getroffen hatte, war größer als ein handelsüblicher Nap-O-Mat. Da es aber ein solcher war, womit der Captain mit hoher Geschwindigkeit zu kollidieren im Begriff war, beanspruchte er derzeit seine volle Aufmerksamkeit. Um alles, was draußen war, konnte er sich kümmern, nachdem er verhindert hatte, einzuschlafen. Bloß nicht den roten Knopf an der Einstiegsluke drücken!

Was Captain Black nicht wusste, war, dass die in seiner Desoxyribonukleinsäure enthaltenen Erbinformationen einige in diesem Moment existentiell wichtige EIgenschaften mit denen des in den neunziger Jahren durch einen unglücklichen Zufall verstorbenen Filmstars und Martial-Art-Kämpfers Brandon Lee teilten. Was er wusste, war, dass er schon als Kind beim Blechdosenwerfen auf der Dorfkirmes in Jasper, Ohio, ausgesprochenes Talent gezeigt hatte. Seine Körperkoordination war ganz instinktiv so schnell und präzise, dass er mühelos geworfenen Schneebällen, Bratpfannen und Gummigeschossen aus Einsatzhundertschaftswaffen ausweichen konnte, Fähigkeiten, die alle bei früheren und teilweise sehr seltsamen Gelegenheiten, die nichts mit seiner aktuellen Situation gemeinsam hatten, in seinem Leben von Nutzen gewesen waren. Jedenfalls schaffte er es, den Sturz gegen das Therm-O-Glas der Schlafkabine abzufangen und sich dabei keine blauen Flecken zuzuziehen. Wahrhaftig, ihm gelang sogar eine Art um neunzig Grad gedrehte Telemark-Landung an der Rückwand der Kommandozentrale, was ihm stehenden Applaus vom Rest der Crew eingebracht hätte, wenn diese da gewesen wäre. Die waren aber derzeit fast ausnahmslos damit beschäftigt, durch ihre eigenen Schlafkabinen geworfen zu werden und sich tatsächlich eine Unmenge an blauen Flecken einzuholen.

„…ck!“

Das Schiff schlingerte und bockte, nachdem die Erschütterung abgeklungen war. Einige Monitore am Kontrollpult flackerten, rebooteten oder waren ganz ausgefallen. Eine Alarmleuchte ließ die Schiffsbesatzung wissen, dass die „Cowboy“ gerade eine Kollision erlitten hatte, und kam sich dabei etwas überflüssig vor. Das Schwerkraftfeld funktionierte weiterhin, was dazu führte, dass Captain Black aus seiner horizontalen Telemark-Haltung heraus nun doch unsanft auf den Kabinenboden fiel, wobei er ein klein wenig lächerlich aussah. Er richtete sich auf und lief hektisch über den vibrierenden Stahlboden zur Rückseite des Schiffs, um zu sehen, was damit kollidiert war und wie viel es zerstört hatte. Als er das Heck erreicht hatte und aus dem Fenster sah, erblickte er zunächst nur Sternennebel, der sich langsam auflöste.

Nach und nach wurden metallische Konturen sichtbar. Glas glänzte, und seltsame Filigrane wurden sichtbar. Filigrane, die sich als marymakianische Buchstaben herausstellten. Buchstaben, die, wenn sein Gedächtnis ihn nicht im Stich ließ, „Marymak Space Police“ bedeuteten. Marymakianer! Kein Wunder, er flog seit vier Tagen durch ihren hirnerweichend öden Weltraumdistrikt.

Im Cockpit konnte Black jetzt schemenhaft die Gestalt des Piloten erkennen, der mit unverhohlener Missbilligung den Kopf schüttelte und sich offensichtlich etwas notierte, bevor er einen Knopf an seinem Steuerpult betätigte. Kurz darauf öffnete sich eine Luke unterhalb des Cockpits. Der Greifarm, der aus der Luke herauswuchs, klatschte ihm etwas an sein Heckfenster, direkt vor seinem Gesicht. Einen Strafzettel! Einen Strafzettel, auf dem handschriftlich etwas notiert war.

„Parken ist hier verboten, du Vollidiot!“

Während der Captain die hingekritzelte Zeile entzifferte, heulten die Patrol-O-Smart-Motoren des Polizeicruisers auf, wobei es ihnen gelang, ausgesprochen verächtlich zu klingen. Das Streifenraumschiff überholte die „Space Cowboy“ und verschwand in der Dunkelheit des Alls. Captain Black steckte den Strafzettel ein und schlurfte den Gang hinab, um den ersten Offizier zu wecken, damit der das Steuer übernahm. „Vier Tage“, dachte er, sind zu lang, um nur mit diesem verdammten Konservenschlaf durchzuhalten.“ dachte er noch.


Freitagsfüller #201

Ich verstehe nicht, wie viele Personen, selbst solche, die ansonsten eigentlich total intelligent sind, tatsächlich an einen Gott glauben. Egal, wie sie ihn nennen, Allah, Gott, JHWH, im Grunde bleibt es das Gleiche: eine Ansammlung von Phrasen, die in einem Buch stehen, das irgendjemand mal heilig genannt hat, und die einem vorschreiben sollen, wie man sein Leben zu leben hat, gepaart mit präzisen Anweisungen, wie mit denen zu verfahren ist, die ihrem unsichtbaren Freund einen anderen Namen geben. Wenn man Gläubige zu hinterfragen versucht, erntet man haufenweise entrüstete Blicke a la „So was fragt man nicht“. Warum nicht? Darum nicht! Und weiter kommt man nicht. Auf der anderen Seite werden im Namen eines Gottes (egal welchem) die unfaßbarsten Schandtaten begangen. Ich erspare mir jetzt die Mühe, diese aufzählen zu wollen. Das erledigen die Medien, wenn man ein bißchen hinguckt. Für irgendwas müssen sie ja gut sein. Und gerechtfertigt werden diese Greuel, wie Kreuzzüge, Kindesmißbrauch, Hexenverbrennungen, Selbstmordattentate, Beschneidungen an Mädchen, Zölibat, Steinigungen für das Verbrechen, zwei Zentimeter nackte Haut zu zeigen, (verdammt, ich wollte keine Aufzählung beginnen!) immer mit dem „Willen Gottes“. Also, wenn es einen Gott gibt, und er so was tatsächlich will, kann er mich mal hacken. Die Methoden und Rechtfertigungen sind alt, nur die Wege, die Aufmerksamkeit darauf zu lenken, sind neu im Zeitalter von Facebook und Fotohandys. Moderne Technik ist eben nicht nur ein Fluch …

Das Problem kalte Füße kennen ja diejenigen, die angeblich den Willen Gottes auf Erden vertreten, auch nicht. Laut deren massenhaft postulierter Aussage werden sie im Jenseits eh sündenfrei sein und im Paradies abhängen, weil vor knapp zweitausend Jahren ein Mensch an einen Balken genagelt wurde, der den Leuten erzählt hat, wie toll er es fände, wenn ausnahmsweise mal alle nett zueinander wären. Oder man darf nach seinem Ableben 72 Jungfrauen einreiten, je nachdem. Wobei ich mir die Frage stellen muss, warum man zu Lebzeiten keusch und sündenfrei sein soll, um dann im Jenseits ne Riesenorgie starten zu dürfen. Anstatt Glauben Glauben sein zu lassen und schon im Diesseits menschlich mit seinen Planetenmitbewohnern umzugehen, wird immer noch darum gestritten, wer den cooleren unsichtbaren Freund hat. Imagine a world without religion, so hat John Lennon mal sinngemäß gesungen. Finde ich o.k., mal ganz davon ab, dass die Beatles musikalisch eh was ganz Besonderes waren.

Die Debatte um Götter und den Sinn oder Unsinn von Glauben, egal in welcher Form geführt, wird bedauerlicherweise zu nichts führen. Wenn man mit Gläubigen vernünftig reden könnte, bräuchte man es gar nicht. Wer sich von dem Gedanken freimacht, die Bibel (o.a.i.V.) nicht für bare Münze zu nehmen und statt dessen mal die Augen aufmacht, muss fast schon zwangsläufig erkennen, wie unglaublich lächerlich die Argumente sind, mit denen egal welche Kirche ihre Standpunkte zu stützen versucht. Doch nur den Versuch zu unternehmen, kann ich von einem Gläubigen kaum erwarten. Dafür sind sie zu verbohrt. Jedem Zweifler, jedem Wankenden, jedem, der sich die Frage nach dem Sinn von Religion mal gestellt hat, möchte ich „Der Gotteswahn“ von R. Dawkins, dem ich an dieser Stelle allen Respekt zollen möchte, wärmstens empfehlen. Die Gedankengänge darin haben mich vom Zweifler zu einem überzeugten, „radikalen“ Atheisten gemacht. Und das ist eine unglaublich (Wortspiel bemerkt?) erfrischende Perspektive auf das Leben. Wer es etwas leichter und kürzer mag, besorgt sich „Lachs im Zweifel“ von und über Douglas Adams und liest darin das Interview mit den American Atheists.

Was das Wochenende angeht, heute Abend freue ich mich auf eine entspannende Massage, morgen habe ich geplant, meiner Basketballmannschaft die Daumen zu drücken und Sonntag möchte ich ausschlafen. Mal sehen, ob der Hund mich läßt.